Herr, laß es Hirn regnen

Ich sollte den Gedichtband, den ich schreibe, ZUSTÄNDE nennen. Dauernd befinde ich mich oder finde mich wieder in Zuständen. Was ist das für ein Zustand, sich in einem Zustand zu befinden wie in einem Stall, in einem Pferch, in einer unbeheizten Kammer für verschwiegenes Personal. Was ist das für ein Zustand, oben auf einem Wagenrad zu sitzen auf dem Dachfirst und kein Storch zu sein. Was ist das für ein – aller guten Dinge sind drei – Zustand, in dieser akzeptierten Absurdität zu leben, die Normalität heißt oder Wirklichkeit oder sonstwie. Auf die Uhren ist Verlaß, doch dann werden sie vor- und wieder zurückgestellt im Namen einer Logik, die dem Zweckdenken untergeordnet ist, und einem Zweck, der nicht erfüllt und nie erreicht wurde – jedenfalls nicht durch das Verstellen der Uhrzeit um eine Stunde. Dann laßt es doch, Allmächtige aller Uhren dieses Landes. Wir sind hier nämlich allmählich ein bißchen gestreßt. Allmählich ist untertrieben – seit mindestens 9/11, wenn nicht seit 1989/90. Ich schreibe hier auf Diktat, ich mache munter weiter, höre zu, schreibe auf, höre wieder zu, schreibe erneut. Wer möchte noch in meinen Gedichtband, wen zwingt es in ZUSTÄNDE, die unbeschreiblich sind, furchtbar, unannehmbar, entwürdigend, verwirrend oder schlichtweg blöd? Wie also läßt sich der Mensch und alle Menschen innerhalb der Geltungs- und Wirkungsgrenzen „unserer“ Kultur und Werteordnung dazu bringen, dem System und seinen Subsystemen zu entsprechen, also zu folgen und folgerichtig zu denken und zu handeln, ganz im Sinne dessen, was doch positiv und erfreulich an einem solchen System ist – daß es zum Beispiel jederzeit eingreifen und helfen kann und sich um jeden kümmern. Daß es auch für sogenannte und selbsternannte Querdenker ein schöner Ort ist, an dem sie sich einbringen können mit ihrem Protest, der doch befruchtend wirkt für alle und die Kräfte mobilisiert und agil hält, denn das macht ein System doch aus – daß es die Verstreuten miteinander in Verbindung bringt, daß eins nicht ohne das andere geschehen kann. Daß es Entladungen verursachen und aushalten kann. All das kommt in meinen neuen Gedichtband namens ZUSTÄNDE. Ein Buch, das man, nebenbei bemerkt, auch von hinten lesen kann. Das Ende muß bekannt sein, sonst kann es keinen Anfang geben. Ich will gar nicht erst leben, wenn ich nicht glücklich und 103 werde. Vor fünf Jahren dachte ich noch, 97 sei okay. Satire darf alles, sagen sie, aber das stimmt nicht. Satire darf nicht glücklich machen, glücklich machen die Zahlen zur Wochenmitte. Nun nehmen aber alle alles sehr persönlich, weil sie nämlich so unter Streß sind, und deshalb bringe ich ZUSTÄNDE auf den Markt, das Buch des Jahres, wenn nicht des Jahrzehnts, denn ZUSTÄNDE bringt zusammen, was zusammen gehört. Feiern wir die Lage, sie ist kompliziert, also interessant. Was wollte ich noch sagen? Egal, die Party findet statt. Wie komme ich von diesem Dach herunter. Wenn ich rutsche, reiße ich mir an der Dachrinne den Hosenboden auf. Soll ich durch den Schornstein nach unten. Sonst kommt die Feuerwehr, aber dann wird es teuer. Ah, da hat jemand mitgedacht und eine Leiter angestellt. Leider ist sie zu kurz. Ich kann nicht fliegen, auch wenn ich gerne möchte.


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