Stundenlanges Kreisen des Polizeihubschraubers über unserem Stadtbezirk. Unten an der Sonnenallee, Höhe Pannierstraße, wo einst das Freie Neukölln zu besuchen war, eine gute Kneipe, haben sich Demonstranten und Polizei eins auf die Glocke gegeben. Auf Tagesspiegel online ein kleines Feuer auf der Straße, unter dem Photo steht „brennende Barrikaden“. Wasserwerfen wurden eingesetzt gegen Brände hier und dort, auch ein größerer Geländewagen ist angesteckt worden oder soll angesteckt worden sein – ich habe das Haus heute nicht verlassen, stattdessen zweimal Mittagschlaf gehalten, so daß ich dreimal den 1. Mai beginnen konnte. Ich verlasse mich auf den faktischen Teil der Meldungen, denke mir einen Teil dazu, einen anderen weg. Es gibt Filmaufnahmen des Abends, Greiftrupps der Polizei in Zivil, häßliche Szenen, Flüche, altbekannte Gesänge. Ein herbes Gewaltritual wird an diesem Tag abgehalten, an dem die Kräfte gemessen und die Möglichkeiten erkundet werden. Die politischen und sozialen Themen, die in diesen 1. Mai spielen und die Wut befeuern, wechseln. Es geht um Macht und das Gewaltmonopol des Staates. Der Staat sind wir, sagten unsere Lehrer. Stimmt das? „Staat heißt das kälteste aller kalten Ungeheuer“, behauptet Nietzsches Zarathustra und nennt ihn den „neuen Götzen“. Wie weit geht unsere Anbetung, wo und wann findet sie ihre Grenzen, warum ausgerechnet dort?
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