Als ich zwölf oder dreizehn war, wollte ich endlich verstehen, was „Staat“ bedeutet. Im Brockhaus stand, das sei eine „Ordnungseinheit menschlichen Handelns“. Ich las die Definition wieder und wieder, aber sie paßte nicht in meinen Kopf. Zu abstrakt, zu unbestimmt, zu sehr über meine damalige Erfahrungswelt hinweg. Ein oder zwei Jahre später machte mir die Defintion keine Mühe mehr, da hatte ich scheinbar begriffen, was Staat ist. Doch erst, als ich meinen Grundwehrdienst ableistete und einmal am Wochenende krank wurde, mit weit über vierzig Grad Fieber, und am Sonntagabend nicht zurück in die Kaserne fahren konnte und meine Eltern bei irgendeiner Stelle anriefen, um mitzuteilen, daß ich am nächsten Morgen in der Garnison nicht würde meinen Dienst antreten können, und diese Stelle daraufhin drohte, dann die Feldjäger (Militärpolizei) zu schicken, um mich holen zu lassen, und dieser Unsinn erst endete, als meine Mutter ihnen mitteilte, dann müßten sie sie auch gleich mitnehmen – da begriff ich (Tage später, nachdem es mir allmählich besser ging), was es heißt, dem Staat zu gehören und ihm dienen zu müssen. Staat ist keine Spaßeinheit menschlichen Handelns, das ist keine Witznummer, keine Kleinigkeit, kein schwacher Akteur. Das ist eine abstrakte Größe, die immer dann gefährlich wirksam und machtvoll wird, wenn sie sich mit Handlungsgewalt zu zeigen vermag. Wer ACAB an die Wand sprüht, mag sich für heldenhaft halten. Geschenkt. Aber die Sache ist sehr sehr viel größer und übersteigt bei weitem das, was Polizei oder einzelne Polizisten angeht. Wir sind der Staat – mag sein. Aber das kostet auch, und es wird kassiert.
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Staaten sind Ordnungssysteme.