Der verlorene Zauber. Enttäuschung des Kindes. Blankes Entsetzen. Nichts von dem stimmt. Kein Weihnachtsmann, kein Osterhase, keine Glücksfee, kein Einhorn, kein Märchenwald, kein Traumprinz, keine ewige Liebe. Gott sowieso nicht. Jesus historisch. Abgeholzter Märchenwald, entrümpeltes Traumschloß. Die toten Poesien des Lebens. Alltäglichkeit als blasser Schatten einer offenbar süßlich vergifteten Vorstellung, unaushaltbar wie jede Ernüchterung. Aber redeten nicht Abgelegene und Informierte über die Wahrheit des Traums, gab es nicht Kunde vom geheimen Wissen der unterdrückten Kulturen? Ja, die gab es. Ihnen wurde auch nachgegangen, und wenn ich mich recht entsinne, war die „abendländische“ Zivilisation schon mal weiter in ihrem gemeinschaftlichen Bemühen um Erkenntnis und Selbsterkenntnis – aber dann kam der „Zusammenbruch“ der östlich-sowjetischen Hemisphäre. Sieger jubeln, aber sie denken nicht. (Politik plattet ab. Allgemeinplätze übernehmen. Wünsche keinem Thema, das du liebst und kennst, „politische Relevanz“ – sonst mußt du weinen.) Vierzig Jahre später würden wir nun Anschluß benötigen an jenes andere Denken der siebziger und achtziger Jahre (wir waren schon mal weiter), ergänzt um ein Wissen, das uns mittlerweile zugewachsen ist, oder Wissen um Verlorenes sein mag. Zurück zu den Märchengeschichten bedeutet, daß sie überzeitlich Wahres enthalten. Sinn des Märchens ist die Überschreitung von Zeit- und eng gefaßten Wirklichkeitsgrenzen. Die Märchen sind wahr, aber anders. Auch die Götter existieren, man kann es doch sehen. Nicht sie selbst, sondern ihr Wirken.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.