„Zu Hause ging ich dem Rest der Familie zunehmend auf die Nerven. Irgendwas schien mit mir nicht zu stimmen, ich empfand Regeln und Anordnungen als eher unverbindliche Vorschläge, dauernd wurde ich irgendwelcher Lügen überführt. Außerdem zählte ich immerzu Treppenstufen, Gehwegplatten, Buchstaben, ALLES – und wenn sich die Summe durch 8 teilen ließ, war ich glücklich, durch 4 teilbar war auch noch gut, durch 2 hinnehmbar, ungerade Zahlen aber ganz schlecht, und Primzahlen zwangen mich, eine Treppenstufe zu überspringen oder die letzten Stufen mehrfach hoch- und runterzutrippeln, bis sich die gegangene Gesamtstufenzahl durch 8 teilen ließ. Bin gleich da, muss nur noch schnell ein paar Straßenlaternen mit der rechten Hand berühren oder Buchstabenanzahlquersummen checken von Straßenschildern und Zeitungsüberschriften. Haferflocken zählen und durch 8 teilen!
Zudem beklagte ich seltsame Kopfschmerzen, ein irres nächtliches Beinkitzeln, permanente Kopfschmerzen und vor allem eine als Gewusel und Gezappel bezeichnete, jedenfalls als störend empfundene Hyperaktivität, eine wahnsinnige Unruhe – meine Mutter brachte mich schließlich zu einem Neurologen. Der setzte mir eine Art Badekappe mit allerlei Kabeln dran auf den Kopf, und dann wurden meine Hirnströme gemessen. Die gute Nachricht, denn diesbezüglich schien es in meiner Familie durchaus verschiedene Meinungen zu geben: Es gab welche, es war Hirnaktivität messbar.
Der Neurologe sagte meiner Mutter: Sie müssen den Jungen einfach mal in Ruhe lassen. Lieber hätte sie wahrscheinlich gehört, ich solle mal Ruhe geben. Die Rückfahrt verlief schweigend. Das war ein Anfang.“
Benjamin von Stuckrad-Barre, Panikherz [2016]
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