Kritik als Synonym

Wo sind die kritischen Intellektuellen geblieben – die „Warner und Mahner“, wie sie genannt wurden? Ich denke, Überdruß und Kritikmüdigkeit haben sie abgeschafft. Wir Älteren stammen aus einer Zeit, da es wenig bis nichts gab, das nicht der Gesellschaftskritik unterlag. Kritik war das Zauberwort, um aus den falschen Herrschaftsverhältnissen zu gelangen. Daß Kritik nun wenig zählt und die Intellektuellen abgedankt haben, sofern sie sich nicht in den Dienst der Herrschaft haben nehmen lassen, verwundert insofern nicht. Man wird die Sache leid, niemand will es ein weiteres Mal hören – daß nämlich die Gesellschaft schuld an den Mißständen ist und reformiert gehört. Eine Zeitlang auch mag es ausgesehen haben, als habe „der Kapitalismus“ (ein robuster Bursche) den Sieg davon getragen und mit ihm die Gesellschafts- und Geschäftsmodelle des Liberalismus. Der globale Fortschritt ist über uns gebraust wie eine Stampede (wilde Flucht einer in Panik geratenen Herde), die globalisierte Welt ähnelt einem Tollhaus der Angst. Rette sich wer kann – nun auch vor dem Klima oder dem Terrorismus oder den Pandemien oder den Maßnahmen dagegen, je nach Geschmacksrichtung. Aber Kritik? Hilflosigkeit stattdessen und Ergebenheit. Sieg der Modelle und Modellierung, Sieg der Experten, Sieg der technischen Vernunft, Sieg der Machbarkeiten und Inszenierung von Beherrschung und Krisenmanagement. Darin krümmen sich die Individuen, sofern sie sich überhaupt noch regen, und unterwerfen sich willig den Planspielen der Alternativlosigkeit. Die Bewegungsspielräume sind eingeschränkt, die Zugänge werden reguliert. Gewaltige Machtmittel scheinen auf. Auf dem symbolischen Thron sitzt die Kontrolle, ein Parasit der Unsicherheit, die als unerträglich empfunden wird. Ziel der vielseitigen und teuern Bemühungen: wissen wollen, was geschehen wird. Mit der Unschuld der Zukunft ist es vorbei, und nicht erst seit gestern. Wir werden verplant, mit uns wird gerechnet, gewinnbringend. Die neue Welt wird schöner als die alte, aber vorher muß alles weg, was noch an sie erinnert. Die Moderne ist nicht tot, sie geht in ihre entscheidende Phase. Das Individuum schrumpft aufs Mitmachformat. Wir werden Teil der einen wahren Erzählung.


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