Hohe See

Des einen Gott ist des anderen Teufel, des einen Erniedrigung des andern Erhöhung. Wie auf der Wippe, auf und ab und im Auf und Ab verbunden. Eine Ethik der Selbstschwächung ist denkbar. Im Christentum ist dies intendiert. Moral des Verzichts, der Entsagung, des diesseitigen Niedergangs. Dekadenz, laut Nietzsche (er agierte als Nachlaßverwalter). Diesseitiger Niedergang, jenseitiger Aufstieg. Auf eine ungewisse Zukunft aspirierend, aber diesseitig Punkte dafür einstreichen, wäre ein Kompromiß, mit dem sich ein Glaube beschreiben läßt, der nicht gänzlich auf irdische Anerkennung zu verzichten vermag. Vornehm wäre es demnach, ganz von solchen Dingen zu schweigen. Eine Praxis ohne Verlautbarung, ohne Werbung und Außenwirkung. Eine Lebenspraxis, die sich selbst genügt und ausdrücklich nicht einbringt in ein unübersichtliches Gesamtgeschehen. Das hieße Askese. Die Kunst der Nichtbedürftigkeit bei hoher Bedürftigkeit.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hohe See

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert