Vogelscheuche

Als ich Kind war, stand in unserem Bauerngarten eine Vogelscheuche. Ich fand sie lustig, nicht unheimlich. Wenn ich mich recht entsinne, verwunderte es mich, daß die gierigen Vögel von einer solch erbärmlichen Figur sich abschrecken lassen sollten. Taten sie es denn? Erst viel später, auf Photographien und Gemälden, wurden Vogelscheuchen mir unheimlich. Eben sehe ich eine Vogelscheuche in einem Film, und, wenig überraschend, liegt sogleich eine Magd tot auf den Sägespänen der Werkstatt im Schuppen, denn ein böser Mann geht um, der Rache nimmt für erlittenes Unrecht. Völlig unklar, warum er es auf diese Farm abgesehen hat. Die Farmerstochter flieht mit ihrem Kind auf dem Arm, ein Retter erscheint am Horizont und prescht auf seinem Pferd heran. Ohnmacht läßt sich körperlich spüren – dabei sehe ich nur zu. Nur zusehen zu können ist das Schlimmste. Ich möchte in den Bildschirm schlagen, so sehr empört mich Unrecht. Doch ich habe gelernt, daß es sich nur um einen Film handelt und nur um die Attrappe eines zerlumpten Menschen, der jederzeit auf einen der gierigen Vögel losgehen könnte, um sie notfalls zu töten.


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