Nachmittags an einem Montag

Seltsamer Nachmittag. Ich laufe mal los und will in den Park, wo die ältesten Bäume Berlins stehen. Vorher Arbeit am Schreibtisch, Briefe schreiben, telephonieren. An der nächsten Straßenecke begegnet mir eine Nachbarin mit Kind, fragt mich, ob es mir gut geht. Sollte es mir schlecht gehen, sehe ich so aus? Hundert Meter weiter sind eine andere Mutter und ihre zwei Kinder auf dem Weg nach Hause, ich kenne sie nicht. Die Kinder trödeln, schlurfen hinterher, sind schon reichlich müde. „Guck mal, das is mein Tuch, das hab ich vom Flohmarkt“, zeigt mir einer der beiden sein Halstuch. Das sieht gut aus, sehr schön! sage ich und gehe weiter. Er zockelt den Seinen nach. Ich betrete die Hasenheide, die vor Sonne glänzt und funkelt, so daß ich eine Ahnung habe, welchen Weg ich einschlagen könnte. Dabei denke ich an eine Schulfreundin, die heute Geburtstag hat und der ich gratulieren möchte. Ich laufe im Glanz der Sonne die sich kreuzenden Pfade über die Wiese und lasse alle Sorgen fahren – die passen nicht. Irgendwas muß stets erledigt werden und wird es auch, aber meine Sorgen verdient das nicht, nicht an diesem Nachmittag, den ich im nachhinein seltsam nenne, und es fragt sich, wieso. Ich höre keine Musik, ich will verbunden sein den Geräuschen und Stimmen, die tatsächlich hier sind. Schultern runter, sagte mal jemand. Ich achte darauf, ob meine Schultern runter sind oder ich sie nach oben ziehe wegen irgendeiner Anspannung oder eines Problems. Ich laufe also weiter durch diesen Park, den sie Heide nennen, und gelange zum Südstern. Das ist ein schöner Name, da mag ja jeder hin, in den Süden des Herzens. Der Pita-Gyros-Mann auf der Bergmannstraße freut sich, daß ich eine Pita Grande bestelle – denn das hat er mir erklärt, Anfang des Jahres. Ich war seitdem nicht mehr bei ihm. Drei Euro für normal, drei Euro fünfzig für Grande – bist du schlau? hat er mich gefragt. Etwas in mir will die kleine Portion, aber ich habe Hunger. Ich soll mehr essen oder regelmäßiger. Der Pita-Gyros-Mann freut sich, als ich mich bedanke und sage, daß es gut geschmeckt hat. Er sieht mich an, als sei ich so etwas wie sein Sohn. Ich kenne diesen Blick, ich empfange ihn häufiger. Ich bin ein Kind der Erde und der Welt, und vielleicht vermittelt sich das an manchen Tagen stärker. Der Antiquar gegenüber reagiert abweisend, als ich ein Buch von Paul Bowles, So mag er fallen, erwerben möchte, ein Taschenbuch für zwei Euro, und nur einen großen Schein habe, es zu bezahlen. Kann ich nicht rausgeben, sagt er, beinahe feindselig. Aber er legt es mir zurück. Ich gehe weiter und denke über diesen Zwischenfall nach. Bluthochdruck, denke ich. In den Hosentaschen finden sich noch Münzen, so kehre ich um und bin gleich darauf zurück in seinem Laden und sage: Schon gewechselt. Er gibt mir das Buch, wortlos, nickt kurz, noch immer angespannt. Paul Bowles‘ Roman handelt von einem jungen Amerikaner namens Nelson Dyar, der aus Langeweile und innerer Leere sein Leben als Bankangestellter in New York City aufgibt und in das Tanger der vierziger Jahre flieht. Originaltitel: Let It Come Down. Der Nachmittag ging noch weiter, ich schlenderte weiter und kehrte mit einem Mal um, denn das Buch wurde so schwer. Es mochte gelesen sein. Ich lese nun darin. In einem Schaufenster einer anderen Buchhandlung lag auch ein Buch von Karl Ove Knausgård, Das Amerika der Seele. Es war herabgesetzt günstig und zeigt auf dem Schutzumschlag den Autor im Profil mit Zigarette im Mund. Er war Kult in den Feuilletons, nun ist es leise geworden wie zuvor, jedenfalls in Deutschland. Die Geburtstagsgrüße habe ich übermittelt. „Es war Nacht, als die kleine Fähre am Dock anlegte.“ Paul Bowles.


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