Spazieren

Lässigkeitsgesten, Angeberposen, unnötige Ich-habe-alles-im-Griff- Hinweise. Männersache meistenteils. Souveranitätseinübungen. Wer oder was zwingt dazu? Den Fahrradreifen flicken, das Loch in der Wand, die Wunde im Herzen. Als ich fünfzehn Monate meines jungen Lebens bei der Bundeswehr verbrachte, dachte ich einige Male darüber nach, warum wir uns uniformieren, deklassieren und dirigieren lassen. Es ergab sich aus der gesamten Situation, einem Zusammenhang größeren Ausmaßes. Irgendwo gab es einen politischen und militärisch bedeutsamen Feind, und wir Rekruten vollzogen Bewegungs- und Gedankenanstrengungen, die für uns ausgedacht oder ausgeknobelt worden waren, damit wir im Ernstfall tatsächlich Gebrauch von der Waffe machen würden. Ich will sagen: Man glaubte daran oder sollte es. Ich glaubte nicht daran, ich saß einfach nur fest und suchte nach einem Ausweg für mich selbst. Übrigens glaubte kaum jemand daran, außer ein paar „idealistischen“ Offizieren. (Glauben keineswegs spirituell, sondern im Sinne eines Für-wahr-Haltens. Grundlage solcher Befehl-und-Gehorsam-Funktionen sind Furcht und (in solchem Sinne) unechter Glaube.) Der Kalte Krieg war damals in eine Art Erschöpfungszustand getreten, Mitte der achtziger Jahre. Auf beiden Seiten der tödlichen Grenze übten die Truppen etwas, das „zum Glück“ niemand mehr aufführen wollte: die totale Vernichtung des Feindes. Alles im Griff? Was ist denn alles – wer greift danach und was folgt daraus? Ach.


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Ein Gedanke zu „Spazieren“

  1. L.L. schreibt:

    Unechter Glaube – echter Glaube? Etwas glauben, heißt das Geglaubte für wahr halten. Da es der Gläubige nicht weiß, setzte er es an Stelle des Wissen. Fidealismus: Ich glaube, ergo ist es.

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