Abschied

Der Tag war gut. Nun ist Nacht. Ich schreibe noch.

Seit mehr als eineinhalb Jahren verliere ich Kraft, Mut, Intelligenz, Durchhaltevermögen, Zuversicht, Lebensfreude, Freundschaften oder gewissermaßen solche, Projekte, Pläne, Änderungsabsichten, Liebe, Hoffnung an diese Pandemie. Nicht an das, was das Virus veranstaltet, sondern an das, was diejenigen Leute, die was zu sagen haben, daraus machen und mit uns machen und mit mir machen und mit jedem machen, mit dem sie was machen können. Ich bin ausgedrückt, ich bin fertig.

Man hat mich bearbeitet, als sei ich ein Idiot. Man hat mir Informationen zugeteilt wie einem Schwachsinnigen. Als könne ich nicht denken, als spürte ich nichts, als hätte ich nicht nach zwei, drei Sätzen durchschaut, wohin ich bewegt werden soll.

Seit eineinhalb Jahren kaue ich Corona-Kaugummi, von morgens bis abends, ich beiße darauf herum und schmecke nichts. Ich lese Tabellen und Aufstellungen, studiere Aufstellungen von Zahlen. Ich gebe mir Mühe. Ich will verstehen. Ich sehe mir diese und jene Seite an, schlage mich nicht auf jene oder diese Seite, bleibe mit letzter Kraft unabhängig, wenngleich alle Befugten und Unbefugten meines Umfeldes auf mich einzuwirken versuchen, als sei ein neuer Glaubenskrieg ausgerufen und sie müßten meine Seele retten oder mich für ihre Sache. Ich hasse Bekehrungen.

Gestern war ein guter Tag. Die Last ist fort. Sie liegt irgendwo am Rand meines Weges und interessiert mich nur noch für diesen Text. Ich gehe befreit weiter. Es gibt fortan leichtere Texte. Ich bin durch. – In meinem inneren Ohr höre ich bereits Schreie und Rufe. Aber die Pandemie! Ja, die Pandemie. Die geht nun in mir zuende.


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