Tag 11 des Freedom Convoy, Ortszeit Ottawa etwa 14 Uhr; sechs Stunden zeitversetzt. Der Bürgermeister der Stadt hat den Ausnahmezustand ausgerufen. Die Situation sei „völlig außer Kontrolle“, die Maßnahme spiegele „die ernste Gefahr und Bedrohung für die Sicherheit der Einwohner durch die anhaltenden Demonstrationen wider“. Anwohner hätten sich über das unaufhörliche Hupen beschwert und seien von den Demonstranten belästigt, beschimpft und blockiert worden.
Die Bilder der Youtube-Berichterstatter vor Ort zeigen, was vor sich geht. Die Einwohner unterstützen die Trucker nach Kräften. Wir haben hier wirklich alles, sagt Machines Everywhere, mit dem ich jetzt unterwegs bin, weil er mit den Truckern spricht. Wir haben Großmütter, die schleppen Gasflaschen herbei, Kinder bringen Kekse oder frischgebackene Waffeln. Dabei riskieren sie, festgenommen zu werden. Ein Trucker mit osteuropäischem Akzent sagt, die Polizei habe ihn gefragt, ob er nicht wegfahren wolle. Er hat ihnen die Briefe, Karten, Zettel mit Wünschen und Nachrichten seiner Freunde, Bekannten und Verwandten gezeigt, mehrere hundert in einer Klarsichthülle gesammelt. Für die sei er hier. Er werde diesen Ort auch dann nicht verlassen, wenn alle anderen Trucks fahren. „Dann bleibe ich noch zwei Tage.“
In der vorletzten Nacht seien welche an seinem Truck gewesen und hätten die kanadischen Flaggen abgerissen und die Stöcke, an denen sie befestigt waren, zerbrochen. Vielleicht sind das diejenigen, die Trudeau „the real canadians“ nennt, vermutet er achselzuckend. Ein paar hundert Meter reinigt einer den Gehweg, kommt aus New Brunswick, mag vierzig Jahre alt sein und erzählt, wie sehr er den Ozean liebt und auf einer ganz kleinen Insel lebt. Dies hier, er meint die Großstadt, sei nichts für ihn. Aber diese Sache, wegen der er hier ist, sei die beste Sache, die er jemals in seinem bisherigen Leben gemacht hat. Eine großartige Erfahrung. Er sagt: Sie kommen nun mit kleinen Kameras, und ich habe ein paar Fragen beantwortet. Dann sind die von CTV! Denen würde ich niemals Fragen beantworten, weil du nicht weißt, was sie hinterher daraus machen.
Neben einer Gruppe von Polizisten, die Masken tragen, treffen sich zur selben Zeit drei Youtuber und tauschen Erfahrungen aus. Ottawalk ist mit dabei, mittlerweile wohl schon etwas berühmt geworden. Sonst läuft er mit der Kamera durch seine Heimatstadt und zeigt seinen Abonnenten die Schönheiten und Sehenswürdigkeiten der Metropole. Passanten kennen die drei und machen Photos mit ihren Smartphones. Zur Sprache kommt auch das Gehupe der Trucks. Die Trucker seien nicht hier, um die Bewohner zu belästigen. Ab 22 Uhr werde fortan nicht mehr gehupt and that’s it. – Gestern nacht noch war ich kurze Zeit mit UOttawaScotty in der Stadt, da sagte er zwei jungen Männern, die sich dafür bedankten, daß er das wahre Gesicht der Trucker und ihrer friedlichen Demonstration zeige, bis vor kurzem sei er noch ein Youtuber gewesen, der sich für Gitarren, laute Musik und schnelle Maschinen interessierte, nun aber jemand, der über die Freiheit berichtet. Lauf des Lebens.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.