Fast windstill. Spät bereits, nach Mitternacht. Die Sirene eines Notarztwagens läßt sich hören. Mir wird bewußt, daß diese Erde eine Kugel ist und ich ihr aufliege oder aufsitze wie ein Passagier oder ein Karussellkind. Das ist, als spürte ich unter mir eine Wölbung im Fußboden, die die Erdkrümmung maßstabsgetreu nachbeschreibt. Vorhin noch drangen die Geräusche des Rummels (Neuköllner Maientage) herüber, der ein letztes Mal in der Hasenheide (Volkspark) stattfinden darf. Die „Gentrifizierung“ Neuköllns schreitet fort, das Volk soll weichen, die Maientage sterben im Alter von 55 Jahren (1967-2022) – zieht man zwei Maßnahmen-Jahre ab, kommen sie auf ein Alter von 53. Ich bin kein Freund des Rummels und „erkenne“ von jeher in den hysterischen Schreien der Achterbahn-Insassen oder der Todesschaukeln den nahen Schrecken der Unfallkatastrophe und des Notfalleinsatzes. In diesem Jahr ihres Comebacks hatten die Maientage zusätzlich Pech. Gleich zu Beginn, in der Nacht zum 1. Mai, wurde dort jemand mit Messerstichen umgebracht. Ein Racheakt aus dem Milieu der rivalisierenden Familienclans, schrieben die Zeitungen.
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