Dem Wasser folgen, es soll ins Meer

Habe ich weiter unten mich skeptisch zu den Möglichkeiten der Kunst geäußert – daß kaum jemand ihrer bedarf und ihrerseits nichts auszurichten ist in einer Welt und Wirklichkeit, die sich ganz gewiß ist darin, nach rationalen Maßstäben Glück und Chancen verteilen zu können und zu dürfen. Was soll da Kunst? Habe ich das getan und gesagt, denke ich nun erneut anders. Wer oder was sonst kann helfen, wenn die Fachleute der praktischen Disziplinen nicht mehr weiter wissen und auch nicht weiter können. Kunst als Lebenshilfe? Billige Formulierung – doch nichts gegen Hilfe.

Mir geht es so: Wenn ich ganz unten bin und verzweifelt, niemand kann mir helfen, das ist klar. Dann gehe ich schlafen. Unversöhnt. Höre ich aber ein Lied, das mich rettet – lasse ich mich retten. Sehe ich ein Bild, das mich erneut sehen läßt – beginne ich zu sehen. Und so weiter. Manchmal muß ich wiedererweckt werden, so tot bin ich gewesen. Hüpft mein Herz, lerne ich leben. Die Künste sind magisch. Sind sie es nicht, sind sie matt.

Aber das geht hin und her in materialistischer Zeit, in der höchsten Zeit und Höhe, die der Materialismus je errungen hat. Wir erwarten seinen Absturz in der Zeit und geben ihm Gelegenheit, sich weit zu spreizen und pfauenhaft zu zeigen. Unter seiner Ägide ist die Kunst ein Unterhaltungsgeschäft zur Befriedigung des Wunderglaubens der zahlungskräftigen Massen. Seele ist eine unbekannte Entität, einem Gespenst eventuell verwandt. Interessiert nicht. Dagegen die Psychometrie, mit der läßt sich arbeiten.

Kunst ist Gottesdienst. Rituelles Handeln – unter den Bedingungen der Moderne. Das bedeutet Zuspitzung, Konflikt und Kampf. War die Kunst einst Gottesdienst, wird sie nun zum Götzendienst … Nein, sie suchte ihr Heil im Leben. Leben als Emphase, als Übersteigerung, als Katapult ins – schwammig genug – Unendliche. Fluchtbewegung, Ausweg, Notbehelf, Herberge. Dann entdeckten sie den Eigenwert des Kreativen oder der Kreativität. Doch auf diese Weise hat Kunst bereits ausgeschissen.

Immerhin ist es bewegt geworden in einer Welt und Wirklichkeit, die aus Geschäftigkeit und „objektiver“ Sinnlosigkeit bestand. Überdruß und Ekel hängten sich ans Ende, jedenfalls für die Empfindsameren, während die Massen noch konsumierten und an technischem Firlefanz eine Freude hatten. Die Sattsamkeit der Dinge war ausführlich zu studieren. Zugleich zog eine unbestimmte Angst um die Häuser und in die Gehirnschalen, und besonders die Gesicherten und Versicherten gerieten in Unruhe, stellten ihre Kinder in Gewahrsam wie auch ihr Geld.

Es kam die Kontrollzeit. Technisch ließ sich helfen. Auch die Körper wurden verdächtig. Daten nehmen. Der Materialismus auf seiner Trumpfhöhe. Krankheiten wurden fortan bevorzugt biochemisch erklärt und wohl auch verstanden. Darauf ließ sich biochemisch, demnach pharmazeutisch antworten. Aufklärung vollzog sich als informationelle Massenpenetration. Niemand entkam den Mythen des endgültigen Siegs der wissenschaftlich-empirisch bestätigten Wahrheiten. Die Spatzen pfiffen es von den Dächern. Die Wohlmeinenden waren versorgt und verspürten Geborgenheit.

Die Kunst trat zurück, wenn auch nicht freiwillig. Ihr Opfer wurde erwartet und gestattet. Zustimmung erschien seitens der Vertrauensvollen. Die Mißtrauischen murrten. Die materialistische Lesart der Krise führte ins Absurde. Ein neuer Glaube ward geboren. Die offen und obszön dargebotene Wissenschaftsparodie stieg auf zur offiziell anerkannten Farce und fand Verbreitung bis auf den Boulevard. Namen wurden geboten und erhielten Bekanntheit. Kampf-Ideen geisterten durch den Raum wie Gespenster. Die Menschen trennten sich in Gruppen, nachdem dies angeordnet worden war. Angst blieb der Motor des wirren Geschehens.

Kunst kommt von Können?


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