Nachmittags mit zwei Fliegen in einem Raum

Was Jonathan Meese zu irgendwas beiträgt, ist mir nicht wichtig. Es sei denn, es ist gut und taugt. Ich habe ihn vor einigen Jahren zitiert, da mir gefiel, wie unendlich frei er sich die Kunst vorzustellen vermochte. Vielleicht hat er sie damit aber auch ein wenig unterschätzt. Sicher liegt ihre Kraft in der Notwendigkeit, nicht auf Seiten der Beliebigkeit – wie immer es einem gelingt, diese Begriffe zuzuordnen. Die Notwendigkeit bestünde darin, eine innere Not abzuwenden oder ihr zu entgehen – indem sie durch das Kunstwerk gebannt wird. Man muß der „objektiven Sinnlosigkeit“ etwas entgegenschleudern, weil wir sonst verblöden und verenden. In den Monaten dieser von Materialisten ersonnenen Halbisolation schnappte ich nach Luft und griff um mich wie ein Ertrinkender. Im April des Jahres 2020 kam mir Bob Dylan zu Hilfe: Murder Most Foul entsprach der Stimmungslage und Gemütsverfassung. Keine Trost nirgends. Einzig die Möglichkeit, den stumpfen Vollzug von Zwangsläufigkeit beizuwohnen, mitfühlend und bedenkend. Als aber in den dann folgenden Monaten bis in den März dieses Jahres das Angstgefängnis nicht wieder aufgesperrt, vielmehr verstärkt wurde und das materialistische Mantra auf uns kam im Takt der Sende- und Empfangsfrequenzen, nämlich daß es nur eine Rettung aus der Krise gäbe usw. – da schmerzten meine Sinne derart, daß ich des Trostes bedurfte. Wanderwege sind keine Auswege, doch immerhin sind es Wege, und sie führen hinaus. Der Wald hat keine Meinung, die Bäume stehen verbunden und rauschen im Wind. Ist das Trost? Das Große Feld mit dem großen Himmel mag geholfen haben. Ich sah den Wolken zu und machte Photos. Tröstete das? Ich bin mir nicht sicher. Ich suchte im Informationsraum nach Stimmen, die mir geistvoll hätten erscheinen können, oder Geister, die auf der Höhe des Problems hätten sprechen mögen. Da war wenig. Eine paralysierte Gesellschaft in der Angstfalle. War das etwa ein Zeichen von Schwarmintelligenz? Wer da nicht litt, wird mich nicht verstehen. Ich habe mich also daran zu gewöhnen versucht, nicht verstanden zu werden. Den Reststolz kratzte ich zusammen, um das zu ertragen. Immerhin machst du eine einschneidende Erfahrung, rief ich mir zu, sofern ich Kraft hatte, mir solch schräge Hoffnung in Aussicht zu stellen. Ja, möge ich etwas gelernt haben in dieser wirren Zeit. Aber die Kunst. Ja, der traue ich nun wieder mehr zu. Für unsere zahlreichen Probleme, dachte ich vor etwa zwanzig Jahren und denke es seitdem oft, gibt es keine politischen Lösungen – wir brauchen eine neue Kultur. Das klingt pompös, meint aber eine andere Art zu fühlen und zu denken, zu verstehen und zu handeln; Werte zu erkennen, zu bestimmen und zu verteidigen; eine veränderte Lebenspraxis. Viele klagen darüber, daß sich eigentlich alles falsch anfühlt. Ja, so läßt sich das Problem beschreiben. Wir sind in eine Verkehrtheit geraten, die systemisch zu sein scheint. Deshalb wird die „Systemfrage“ ja erneut aufgeworfen, und viele zeigen auf „den Kapitalismus“. Er zählt zweifellos zu den Kandidaten neuerlichen Nachdenkens und sich ständig verändernder Bewertung. Ich könnte andere Kandidaten ihm zur Seite stellen, die das systemische Problem ausmachen. Mir geht es aber um die Kunst und deren Freiheit, die ganz und gar nicht luftig ist, sondern wirklich und schöpferisch. Wenigstens die Kunst muß den Menschen verstehen, wenn es schon „die Wissenschaften“ nicht vermögen. (Die Religionen haben sich ja selbst ausgeschaltet.) Andererseits – warum sollten sie es? Man soll sie nicht überfordern und – ich wiederhole mich – nicht mit Glauben ruinieren. – Dies auf die Schnelle an Christi Himmelfahrt, was immer diese Beförderung eines exemplarischen Menschen zu bedeuten hat. Sein Leben ein Kunstwerk.


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