Nacht. In einer Stunde soll es regnen. Leichter Regen ist angekündigt. Schon geht ein leiser Wind, nachdem es den Pfingstsonntag über nahezu windstill war. Pfingstmontag nun, 2 Uhr 43, es fallen die ersten Tropfen, die Musik der Erfrischung beginnt. Pfingsten ist der rätselhafteste der christlichen Festtage. Die Aussendung des Heiligen Geistes initiiert und legitimiert die Gründung einer Kirche der Gläubigen des neuen Glaubens. Da ich Nietzsches Antichrist genannte Verehrungsschrift des Jesus von Nazareth noch in Erinnerung habe, denke ich an Paulus und seine maßgebliche Deutung der Ereignisse um jenen Gottessohn, der nach Nietzsches Verständnis ein exemplarischer Mensch war, herausragend durch die Freiheit seines Denkens und Wirkens, irdisch und wahrhaftig, aber ohne Schwenk in den Himmel und die Verächtlichmachung und heimliche Entwertung des Lebens. Dazu der leise Regen und die Frage, woran diese Zivilisation, deren Agieren und Vibrieren ich registriere, glauben kann oder will. An die Gerechtigkeit auf Erden vielleicht. Keine Ahnung, sagen die meisten und zucken mit den Schultern. Ich glaube, Krankheit, Hunger, Krieg, Ungerechtigkeit sollen ausgeräumt werden, und mit ihnen noch was anderes.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.