Wie eingestrickt die Menschen sind. Kaum jemand scheint noch Luft zu bekommen. Hier schaut ein Ärmchen aus dem Knäuel heraus, dort zwängt sich ein Kopf durch die Maschen. Das tägliche Leben hat sie am Wickel, dreht und wendet sie, kerkert sie ein und verspricht an anderer Stelle Befreiung. (Zum Beispiel der Urlaub – eine Erlaubnis, seinem Dienstherrn eine vertraglich festgelegte Zeit nicht zur Verfügung stehen zu müssen: das Recht darauf eine Errungenschaft der Arbeiterbewegung. Die Erlaubnis dient der Wiederherstellung der Arbeitskraft.) Mich auch, mir auch. Deshalb kann ich über den Unterschied sprechen – da ich ihn wahrnehme. Während der Fahrten in der Untergrundbahn und den Vorortzügen sehe ich mir die Mitbürger an: wie sie sich halten, wie sie sich verhalten. Manchmal wähne ich sie und mich in einem schweren und betäubenden Traum, der zwar Wirklichkeit heißt, sich aber derart unwirklich ausnimmt, daß niemand bei Verstand behaupten wollte, ausgerechnet dies sei die einzig feststellbare Wirklichkeit. Was denn sonst? Eine kollektive Teilnarkose, die Erfahrung zunehmender Entrechtung und Entmenschlichung. Nach außen wirkt es wie immer, aber nach innen schreit das unerhörte Wesen (des Menschen: seine Seele). So fällt es krank, und wir besichtigen gegenseitig das Siechtum in zunehmender Professionalität.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.