Nachtskizze, 9.11.2022

Ich spüre sehr wohl, wie man zur Vernunft bekehren möchte. Diese Versuche haben mit der Einschulung begonnen und setzen sich Phase für Phase des Lebens fort. Auf diese Versuche ist Verlaß. Die Vernunft, zu der ich bekehrt werden soll, ist mir zu klein. Sie behagt mir nicht, sie paßt nicht. Ich glaube an die große Vernunft, die alles enthält und die Widersprüche erträgt – die ohne Widersprüche gar nicht denkbar ist. Ich glaube an eine große Vernunft, die in der Niederlage den Sieg erkennt, im Scheitern das Gelingen, im Verschwinden die Anwesenheit auf lange Zeit. Ich glaube nicht an die Vernunft der Institutionen, sondern freue mich, wenn ich an solchen Orten der kleinen die große Vernunft antreffe. Ich glaube, daß Rationalität ein Werkzeug ist, mit dem man vorsichtig umgehen (operieren) sollte. Ich glaube, daß Intelligenz ein scharfes Schwert ist und man darauf achten sollte, wer damit hantiert (schneidet, sticht). Ich glaube, daß die große Vernunft nichts gegen die kleine Vernunft einzuwenden hat. Schließlich enthält sie sie. Ich glaube, daß wir geistig und sittlich wachsen dürfen, um uns der großen Vernunft angemessen gegenüber und schließlich in ihr verhalten zu können. Die große Vernunft ist immer da, ganz gleich, ob sie anerkannt ist. Es ist vielleicht Zeit, daß „der Mensch“ anschlußfähig wird, um wirklich in der Wirklichkeit zu leben. – Dies nur als Nachtskizze.


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Nachtskizze, 9.11.2022

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