Wie dunkle Fahnen hängen die Nachttexte in einen hellen Tag. Ich dränge sie zur Seite, um ans Licht zu gelangen. Das ist, als träte ich durch einen Vorhang. Die Nacht folgt anderen Regeln als der Tag. Des Tags interessiert mich die Welt nicht sonderlich, scheint es. Ich laufe herum und sehe mir Sachen an, das schon. Aber nachts bearbeite ich sie. Wenn niemand mehr spricht, lasse ich sie sprechen: die mir begegnet sind, die ich sagen möchte, die ich bedenke und erfühle. – Einen kurzen Text über große und kleine Vernunft wollte ich längst schreiben. Nun gibt es wenigstens eine Nachtskizze dazu. Ich kann sie morgens kaum lesen, denn der Tag gehört fast ausschließlich der kleinen Vernunft, dem Leben als Automat. Hier was, da was. Smalltalk, Einschätzungen und Entscheidungen, Auskünfte, Rat und Tat. Alles schnell aus mir herausgefischt. Manchmal verfolgen mich Tagsätze (vorher stand hier: Tagessätze – auch das versteht jeder) bis spät in die Nacht. Dann muß etwas vorgefallen sein. Dem gehe ich nach. – Auch die sehr frühe Morgenstunde hat ihren Reiz und ähnelt in gewisser Weise der Nacht- und Wachstunde. Man scheint noch allein auf der Welt, trotz einiger Geräusche. Vom Tag ist noch nichts genommen. Noch ist vieles, man möchte gar nicht sagen: alles möglich. Der Vorteil: man hat nichts hinter sich. Deshalb die Aufbrüche und Angriffe – sie finden in den frühen Morgenstunden statt. Wenn der Feind noch schläft, wenn der Hahn kräht, wenn die Sonnenstrahlen über die Horizontlinie greifen. – Nachts sind die anderen fertig. Allgemeine Schlafenszeit. Vorhänge geschlossen. Zeit für Gespenster und Gespinste. Die Rückseite der Welt.
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