Die mürbe Pracht der gewonnenen Jahre

Es ist ganz und gar unmöglich, Zeit zu verlieren. Wer glaubt, er verliere Zeit, ist verloren. Man kann sich auf die Suche machen nach etwas, das man die verlorene Zeit nennt – dies ist literarisch geschehen, ausführlich und beeindruckend. Zeit mag vergehen, uneinholbar sein, aber verloren ist sie nicht. Verloren mag ich mich selbst fühlen in ihr, die kein Wesen hat und nichts fühlt, nichts denkt, nichts beabsichtigt, nirgendwohin führt, aus der Ewigkeit kommt und unendlich ist und der Menschen nicht bedarf. Doch – wer weiß: Vielleicht gibt es ohne Menschen auch keine Zeit, vielleicht stirbt sie mit ihren Erfindern. Dann wäre Zeit nichts weiter als eine Verstehenskonvention, gebunden an eine Beobachter-, also Interessensinstanz. Die Denker des Posthistoire glaubten, die historische Zeit werde verschwinden in einem Immerda von Gegenwart. Bisher nicht. Bisher dreht sich das historische Rad weiter und bringt neue Geschichtsdarstellungen hervor, Runde für Runde. Mit jeder Runde gewinne auch ich Zeit, werde genährt durch sie, lasse mir Erfahrungen servieren, werde klüger oder weiser, unausstehlich vielleicht oder endlich annehmbar, wer weiß. Aber Zeit kann ich nicht verlieren, wie sollte das denn stattfinden. Wer Zeit glaubt verlieren zu können ist nicht verloren – ich korrigiere das. Doch die Rechnung, die solcher Phrase unterliegt, sollte überprüft werden. Sie setzt auf Soll, nicht auf Haben. Das ist riskant.


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