Vom wirklichen und vom wahren Leben

Stille in der Wohnung wie eine unsichtbare Person. Ich habe einige Fruchtfliegen über den Winter gebracht, bisher. Am Samstag kam mir eine aus dem Kühlschrank entgegen, ich muß sie dort versehentlich eingesperrt haben. Wir reden nicht miteinander, koexistieren nur. Ich habe die Tropfen gezählt, die aus dem Siebträger der Kaffeemaschine in die Crema des frischen Kaffees fielen, es waren fünf. Die Löcher in der Crema schließen sich wieder, wenn es nicht zuviele sind. Doch man kann sehen, daß sie gefallen sind. Wie Einschußlöcher: da wir uns neuerdings so kriegerisch geben. Wenn Menschen doch einmal Ruhe geben könnten. Wie angenehm das wäre. Vielleicht ließe sich dann auch etwas verstehen vom Geheimnis des Lebens, das ja nicht nur aus Gewalt besteht. Wenn es nicht dauernd so laut und so frech wäre. Der Milchschaum knistert leise. Vielleicht ließe sich dann auch einmal ein Buch zuende lesen oder es wäre so wie früher, als man Kind war und in einem Buch verschwinden konnte für Stunden, für Tage gar. Zwischendurch kurz mal essen oder schlafen, notfalls auch zur Schule, dann aber zurück ins Buch und in die wahrere Welt.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Vom wirklichen und vom wahren Leben

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert