Die unverstandenen Katastrophen … Ich gehe davon aus, daß die Deutschen den Faschismus nicht verstanden haben. Ich gehe davon aus, daß sie die deutsche Spielart des Faschismus nicht von der italienischen oder spanischen unterscheiden können. Ich gehe davon aus, daß sie nicht sagen könnten, was einen konservativen Menschen von einem Faschisten unterscheidet. Ich gehe davon aus, daß sie nicht wissen, was sie meinen, wenn sie sagen, etwas oder irgendwer sei rechts. Ebenso wenig wüßten sie zu benennen, was links ist. Falls das tröstet. Auch die Mitte verschwimmt, fragt man nach, zu einer ominösen Größe. Was liberal bedeutet, interessierte mich: aufgeteilt in links- und rechtsliberal. Gibt es eine Vorstellung davon, was nationalliberal einst meinte, liberalkonservativ auch noch? Die unverstandenen Katastrophen … Warum fallen die Leute übereinander her, als wären die anderen etwas komplett zu Vernichtendes. Irrlehren, dekretiert man später. Doch was läßt die Irrlehren funkeln, was an ihnen bietet sich an, was läßt die hungrigen Millionen darauf anspringen? Welche Entlastungen finden statt? Es mag sich gut anfühlen, wenigstens einen Tag auf der richtigen Seite zu stehen. Die Frage ist, an welchem.
Das habe ich nachts schnell hingeschrieben. So soll es bleiben und nicht gelöscht werden. Man müßte das noch relativieren und konkretisieren. Ich dachte an den inneren Faschismus und das Verlangen, autoritär regiert zu werden. Ich dachte an die unterschiedlichen Faschismus-Theorien: soziologische, psychoanalytische, mentalitätsgeschichtliche usw. Ich dachte an den alten Mann, der sagte, der Nationalsozialismus sei eine Religion gewesen. Ich dachte an diesen heilsgeschichtlich aufgeladenen Begriff – „Drittes Reich“. Ich sah die Bilder der sogenannten Führer vor mir, die Marschkolonnen ihrer uniformierten Kampf- und Sturmtruppen, die Formationen, in die der „Volkskörper“ gegossen worden war. Ich sah die Mobilisierung vor mir (für die einzig richtige Sache), spürte das Erlösungsbedürfnis der Massen, damals, als es die noch gab. Ich dachte an José Ortega y Gassets Werk Der Aufstand der Massen von 1929 (dt. 1931).
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