Rückseite des Spiegels

Bangend, mitleidend, hoffend verfolge ich die Entwicklungen des Menschenbildes. Das Bild des Menschen in der Wirtschaft, in der Erziehung, im Straßenverkehr, in der Psychologie, der Psychiatrie, der Philosophie und schnurstracks weiter. Was ist denn da los? Entwicklung ist ein Euphemismus, wenn reduktionistische Auffassungen das Oberwasser gewinnen. Wir sind dann nur (Lieblingswort des Kleinholzens) Geschöpfe eines egoistisch wütenden Gens, eine Laune der Natur, ein Gewinnmaximierungsautomat („Ich-AG“), ein nackter Affe, eine Imitation Gottes usw. Nun sind wir, historisch belehrt, Enttäuschungen weiter – weiter als vor den unverstandenen Katastrophen. Es nimmt kein Wunder, daß die Idee einer Krone der Schöpfung nach Altvätersitte unhaltbar geworden ist. Wir sollten uns aber nicht in die Grütze stoßen oder sonstwie zernichten, denn es folgten unweigerlich Barbarei und Selbstabschlachtung. Sind wir uns selbst nichts wert, sehr eigentlich und tief empfunden, werden wir auch nicht erkennen können, daß jemand anderes etwas wird taugen mögen. Degradieren wir uns fortwährend selbst zu jenem Mängelwesen, von dem die Anthropologie seit langem weiß, geraten unsere Vorzüge ins Hintertreffen. Schon liegt es nah, an der Perfektionierung zu arbeiten und ein perfekteres Wesen zu erschaffen, ganz so, als sei Gottes Werk unvollbracht, da er sich stümperhaft den Menschen erdachte. In solchen Zwickmühlen findet unser Existieren statt, wir werden zermahlen. Intellektuell sind wir schwach bis auf die Knochen. Der Mahlgang ist brutal. Reduktionismus bedeutet, linear in lebendige natürliche Systeme einzugreifen, Kenngrößen zu exekutieren und ihnen die Sortierung der Lebensverhältnisse anzuvertrauen.


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