Die Religionen haben mich gelehrt, sofern ich während der Lektionen gut genug aufgepaßt habe, Gott primitiv aufzufassen. Primitiv bedeutet zweierlei, nämlich ursprünglich (einfach) und zurückgeblieben. In solcher Schwebe pendelt der Gottesbegriff, sofern Gott begriffen sein kann und nicht vielmehr erahnt oder ersehnt wird, gefürchtet wohl auch. Denkt man Gott aber als das Verbindende zwischen den Menschen, sollten oder könnten die Kleinlichkeiten ruhen. Ich denke, das wollte Lessing vermitteln, als er Nathan der Weise verfaßte. Noch immer benötigen wir (wenn nicht, dann nicht) einen Gottesbegriff, der unsere Intelligenz nicht beleidigt und zugleich dafür sorgt, daß unsere Intelligenz nicht Gott beleidigt – sofern Gott jenes Verbindende ist: ein Wort für das, das unsere Intelligenz enthält und sie zugleich systemisch übersteigt, also überhaupt erst möglich macht. Man müßte anschließen und fragen, ob Gott mit der Natur gleichzusetzen ist. Schon höre ich die Protestrufe aus allen Winkeln dieser Erde, denn die Natur ist bekanntlich nicht moralisch. Allerdings wertet sie. Sage ich „die Natur“, erhebe ich sie zu einem handelnden Subjekt, das Absichten hat und Befürchtungen hegt. Dem ist nicht so, nach dem, was wir derzeit wissen. Wie aber steht es mit „Gott“ – muß der denn Absichten haben?
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