Nach der Kreuzigung

Der Gedanke des Nachher läßt sich fortführen, ich denke ihn oft. Durch die vielfältigen und in Übermaß dargebotenen Krisen des Systems oder der Systeme orientiere ich mich folgendermaßen: indem ich die Imagination anstrenge. Wie wird sich die aktuelle Angelegenheit in zehn Jahren betrachten lassen? Wird man sie als wichtig erachten, kann sie Geschichte schreiben, lohnte der Aufwand, der seinerzeit betrieben wurde? Meistens lohnt es nicht. Oft betrauert man die Toten. Nicht selten ist es später schlimmer als zuvor. Solches Denken ist nicht pessimistisch, sondern beruht auf Erfahrung. Wladimir Hitler ist nicht Adolf Putin, sie auseinanderzuhalten und richtig zuzuordnen mag dauern. Politische Emotionalisierung führt in die Erfahrung der Hilflosigkeit, im eigenen Leben ist genug zu tun. Politik ist ein Zoo mit zeitweilig geöffneten Käfigen. Affen auf die Bäume, Löwen in die Arena. Es bleibt schwierig, es bleibt spannend. Am Ende ist das aktuelle Spektakel vorüber, und alle müssen oder dürfen sich gegenübertreten und in die Augen schauen, ein DIN-A4-Blatt über dem Herzen, einem der Organe, dem die Gefühle des Denkens zugeschoben werden.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Nach der Kreuzigung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert