Wie gelangt man auf seinen Gipfel

Was macht das Schreiben zu einer mitunter heiklen Angelegenheit – daß man schier daran verzweifeln kann? Ist es die Übererwartung, ist es die Überschätzung der eigenen Möglichkeiten? Ich habe das Kind, das ich war, vor Augen, wie es eine Geschichte nach der anderen beginnt, sie jeweils mit Zeichnungen versieht und nach einigen wenigen Seiten regelmäßig abbricht. Nicht gut genug. Wie lange bleibt man unter seinen Möglichkeiten, wann finden Möglichkeit und Wirklichkeit zueinander. Wenn ich mir etwas Großes vornehme, scheitere ich noch immer. Also nehme ich mir Großes gar nicht vor. Stattdessen verstreue ich kleine Texte wie Blümchen oder Blätter hierhin und dorthin. Hier sind etliche von ihnen gesammelt, fast täglich kommen neue hinzu. Das ist die mir angemessene Form des Schreibens, scheint es. Sie ist sprunghaft, sie ist situativ, sie ist lebendig. Alles Lang-und-breit-Treten bereitet mir Pein. Inmitten des Romans frage ich mich, ob er nicht bitte bald zuende sein möge. Durchhalten mag eine Tugend sein, ich gestehe das zu. Ich halte in meinem eigenen Leben ganz gut durch, das sei bemerkt. Allerdings suche ich noch immer nach dem Kniff, der die Verhältnisse ins entscheidend Bessere wendet. Du wirst dich noch einmal umschauen, prophezeite meine Großmutter. Das Leben besteht nicht aus Jux und Tollerei, wollte sie sagen. Daß ich dies anzunehmen scheine, war ihr gewiß. Sie wußte nicht, wie sehr mich quälte, was sie für Leben hielt: tägliche Mühsal, verbissene Arbeit, gläubiges Erdulden. Ich habe mir vorgenommen, vermutlich bereits im Alter von neun Jahren, daß ich einen Gegenbeweis antreten werde. Der Gegenbeweis lautet, daß Leben mehr ist als tägliche Mühsal und gläubiges Erdulden, nämlich Freude zu empfinden und schöpferisch zu sein, weise zu werden mit den Jahren, mag sein, und keinen Unsinn mehr von sich geben zu müssen. Es ist ungerecht von mir, meiner Großmutter vorzuwerfen, daß sie dachte und handelte, wie sie es tat. Sie nahm alles aus ihrer Welt. Ich erschaffe mir die meine, und das dauert. Ich würde später gern einmal mit ihr sprechen, dann könnten wir vergleichen und die Unterschiede genießen.


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