Im, am und um den Hermannplatz. Im Hermannplatz? Ja, es gibt den Bauch, es gibt die zwei Ebenen der Station und die vier Richtungen des Untergrunds. Ab nach Norden, Süden, Osten, Westen. U8 und U7. Im Bauch des Platzes kannst du dir Leben anschauen, wie du es nicht kennst. Nicht flüchtig, nicht nur kurz – du darfst verweilen und die Gestalten nacheinander bedenken. Manche sind ansprechbar, manche sprechen dich an. Auf Ebene 1 tropfte es wochenlang neben dem Aufzug nach oben oder unten von der Decke. Stürzt die bald ein? Oben ist das Pflaster, oben ist der Himmel, oben ist der Wochenmarkt, oben sind die Demonstrationen. Unten ist die Ebene 2, da wird die große Halle renoviert. Das dauert Jahre. Deshalb ist es eng entlang der Bahnsteige. Man hört Arbeitsgeräusche jenseits der Sperrwände aus Blech, zuweilen einen Fluch. Um den Hermannplatz stehen die Gebäude im Carré, samt ihres Inhalts. Wäre ich Alfred Döblin, griffe ich voll hinein. Als erstes in die McDonalds-Filiale, wo sie an Strohhalmen nuckeln und den Mund aufsperren. Das ist nicht interessant, doch interessant sind die Menschen. Wenn die sprächen, wenn die aussagten, was sie wüßten. Sodann zu Dunkin‘ Donuts, damit sich süß zu salzig gesellt und die Harmonie gewahrt ist. Im einstigen Kauf- und Schaupalast des zu einem Rumpf geschrumpften Karstadt-Gebäudes würde ich auf den Rolltreppen die Leute belauschen und mir von den Kassierern diejenigen schnappen, die aussagefähig sind. Die Berliner haben Schnauze und verstehen sich aufs Sagen. Um den Platz herum gibt es eine Gegend, in der du an jeder Haustür eine der zwanzig Klingeln drücken kannst und auf eine Geschichte stößt, die dir den Atem raubt. Nur daß wir nicht mehr zu Alfred Döblins Zeiten leben, sondern wie in einem Wiedergang in durchaus verwandten. Verwirrte und verängstigte Bürgerliche, alles nicht so ganz genau wissen wollend, alarmiert und sogleich bereit, den einen Unfug durch den anderen zu ersetzen. Wer also Erzählstoff sucht, der grabe sich hier ein und laufe die Linien der fortschreitenden Erzählung nach. Viele hier würden reden, ich bin mir sicher. Doch niemand, so ist zu fürchten, interessiert sich für das, was hier gewußt wird. Parolen werden auch zu vernehmen sein. Mein Gott, wo denn nicht. Am Hermannplatz liegt verdichtet, was zu wissen wäre. Dieser kleine Text ist nur eine Skizze, aber ich rede nicht von einer Reportage. Die gibt es in Hülle und Fülle, die lassen sich wegwischen. Denen fehlen Atem und Perspektive, die sind für den Tag gemacht. Laß die Leute reden und höre zu, dann hast du fast schon deinen Text. Sprich nicht von Berührungsängsten, die hat doch jeder.
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