Familien sind interessante Gebilde mit eigener Kultur, eingebettet in die sie umgebenden Kulturen, im Austausch mit denen lebend und überlebend, mit Rißlinien innerhalb des eigenen Verbandes und Trennungs- und Verlustschmerzen, wenn einzelne Mitglieder verloren gehen oder in unerreichbare Ferne gedriftet sind. Schwer wiegen die Erinnerungen an einstiges Glück oder Unglück, an die guten und die schlimmen Taten – die Verbrechen sogar. Worüber man spricht oder worüber man schweigt. Mal macht der Staat die Leute zu Verbrechern, mal eine Glaubensrichtung, eine Überzeugungsgemeinschaft, eine höhergestellte Moral mit Kurs aufs saubere Paradies, mal die Gier nach Größe, Geld und Macht. Daher die Schwindelgefühle, beugt man sich über den Brunnenrand und sieht hinein in den Abgrund des Geschehenen. Wir landeten gestern dort draußen unter dem hohen Himmel im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück, ich blätterte im Buch der Toten.
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