Durchmißt man einstige Orte des Schreckens, befällt einen eisige Erstarrung. Man hält sich an Details – abblätternde Farbe des rostigen Wachtturms – oder sucht Orientierung im wüstleeren Raum. Was befand sich wo, gab es eine Ordnung. Eine Ordnung gibt es stets, insbesondere die des berufsmäßig ausgeübten Terrors. Systematik der Gewalt. Wie bricht man einen Körper – das weiß man schon. Wie bricht man eine starke Seele – das läßt sich herausfinden. Es gibt die Berichte der Überlebenden, die Darstellungen der Vernichtungspraxis. Wie es riecht in den Arbeitsbarracken der Näherinnen, heute (und damit fast schon achtzig Jahre nach Ende des deutschen Großvorhabens von sonstwas)? Es riecht nach Bitterkeit, nach groteskem Unsinn, trocken und schwarz, nach sich fortsetzendem und verschlucktem Schmerz, und die Wolken vor blauem Himmel kommen einem vor wie der übliche Firlefanz.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.