Sekunden schmecken

Es war damals zu Beginn der Neunziger oder Ende der Achtziger, als ein Interview im Stern-Magazin mich erfreute. (Wartezimmer- oder Kaffeehauslektüre) Da sagte ein Experte, daß sämtliche Vorstellungen von Sinn und Bedeutung des menschlichen Lebens einbrächen, gäbe es so etwas wie ein beliebig verlängerbares menschliches Leben. | Damals gab es keinen Transhumanismus, ein solcher Humanismus war noch nicht erfunden. Wenngleich die Ideen herumspukten. Milliardäre wollten ewig leben, sich auf Eis legen lassen oder ihre kostbaren Spermien konservieren. | Was du heute kannst besorgen, verschiebe nicht auf morgen. Erziehung nimmt zuweilen mit dem Erstbesten vorlieb oder muß es, doch der Umkehrschluß solcher Platitüde macht denken. Ich müßte nichts jemals tun, denn es hätte Zeit bis sonstwann. Da ich ewig jung wäre, käme ich nicht in den Genuß des Alterns. Ein Leben ohne Zeit-Limit (Grenzen) geriete in obszöne Verzerrung. Greise fingerten an sonstwas herum und verwiesen, zur Rechenschaft gezogen, auf ihre verbleibenden einhundertfünfzig Jahre mindestens hin. Der Traum geriete zum Alptraum – Kennzeichen des Utopismus.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Sekunden schmecken

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert