Nur die Armen geben

Wer betteln gehen mußte, weiß: nur die Ärmeren geben. Denn sie sind der Bedürftigkeit noch nahe. Die anderen zeigen sich kalt und unerbittlich. Nichts und niemandem geben, der sich nicht mindestens sichtbar erfolgreich angestrengt hat. Der gepanzerter Hochmut dessen, der alles aus eigener Kraft erkämpft und sich ermöglicht hat und deshalb achtgibt, nichts vom Ergatterten jemals wieder ohne Gegenwert freizugeben.

Das führt zu emotionaler Verstopfung, wie überhaupt das Nichtgebenkönnen freudianisch anal verortet wird. Umkehrschluß: Wer sich ausscheißen kann, wird auch geben können. Geiz ist eine Krankheit, sündhaft überdies.

Henry Millers sogenanntes Skandalbuch Wendekreis des Krebses ist eine Quelle ersten Ranges hinsichtlich der Erfahrung eines Mannes, der betteln geht, selbsterwähltes Geschick, ‚in Kauf genommen‘, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können: als Schriftsteller, wie er hofft. 1934 erschien es, in Paris. Erst dreißig Jahre später in den USA und Großbritannien, wo die Bewahrung guter Sitten die Zensurbehörden emsig hielt.

Noch schlimmer (heftiger) zu lesen: Knut Hamsun, Hunger. 1890 erschienen, 1891 in deutscher Übersetzung. Ich habe heute noch Angst, es wieder zu lesen. Ich las es mit zwanzig und war gewarnt. Und dennoch: Wer schreiben will (im Sinne von: muß), wird es tun. Notfalls um jeden Preis.


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