Jobs vergeben

Über die republikanische Feierlichkeit des Wahlsonntags wollte ich längst schon schreiben. Ich empfinde sie tatsächlich, weiß jedoch nicht, ob allein ich sie empfinde. Sie hat etwas von Kirchgang oder Begräbnis. Man macht ernste Miene, denn es geht um was. Wahlgang ist Machtzuteilung. Nichts von Pappe. Das Millionenvolk entscheidet über die Arbeitsplatzzukunft der sich zur Wahl stellenden Bewerber. Das klingt nach idealer Demokratie, sofern eine repräsentative als ideal angesehen sein kann. Ausgerechnet zu dieser Wahl war mir nach Verzicht zumute, da ich der Parolen und der Zuspitzungen leid bin. Doch nicht zuletzt die Erinnerung an die bürgerliche Kirchgangsstimmung ließ mich den Gang antreten. Ich würde mich schuldig fühlen, so oder so. Das wußte ich. Nichtwählen ist keine Option, wenn man wählen kann. Jede Stimme zählt, versprachen sie vor der Wahl. Das stimmt nicht wirklich, denn die Parteien, die nicht auf fünf Prozent der Wählerstimmen kommen, werden nicht beachtet (gleichwohl sie gezählt wurden). Die Klausel ist alt wie die Bundesrepublik Deutschland und soll verhindern, daß die politische Republik in Kleinstparteien zerfällt und unregierbar wird. Den Kirchgang, den ich antreten mußte, als ich ein Kind war und konfirmiert wurde, konnte ich nicht leiden. Die bürgerliche Rechtschaffenheit stelle ich ohnehin in Frage. Dennoch mag ich diese feierlich-sachliche Stimmung. Als hätte man etwas schwer zu Erbringendes geleistet.


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