Ich kann mich nicht noch ein weiteres Jahrzehnt deprimieren lassen

Fällt eigentlich noch jemandem auf, daß wir schon gar nicht mehr richtig leben, sondern fast schon tot sind. Daß wir die Luft anhalten, die Ohren verstopfen, nur noch in eine Richtung starren und die Erlösung in der Katastrophe heimlich ersehnen, muß ja mal Schluß sein. Wer oder was hat uns derart erschöpft, daß wir in der Gegend herumhängen und leblos auf die Geräte glotzen, daß dort endlich die Nachricht erscheint, auf die wir immer schon gewartet haben. Vielleicht geht es nur mir so, vielleicht fühlen sich die anderen noch intakt. Ich könnte sie fragen, doch würden sie antworten. Alternativlosigkeit führt in die Depression, und dabei interessiert mich das Politische am allerwenigsten. Unsere Schwierigkeiten sind kultureller Art. Kultur bedeutet: wie wir tun, was wir tun. Also – was tun wir hier und wie tun wir es? Worum soll es denn gehen in unser aller Leben, jeweils? Die letzten Jahre und Jahrzehnte haben mich dermaßen totgespielt, daß ich mich jeden Morgen bejuble, wenn ich wieder auferstehe und aus den Federn finde und einen neuen Tag angehe mit der Naivität eines Neuankömmlings oder unverwüstlichen Optimisten. Das Leben muß doch mal beginnen.


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