Gute Sicht, schlechte Sicht

Das ehemalige Flugfeld ist groß und weit. Man kann dort die Orientierung verlieren für Augenblicke, wenngleich die Sicht- oder Landmarken sie nach kurzem Suchen wiederherstellen. Neben dem viertelkreisförmigen Hangar, dem S-Bahnring und der Stadtautobahn, der Bahlsen-Keksfabrik und dem Wohnhochhaus im sogenannten Wohnpark St. Marien ist das neuerdings der Hochhausneubau des Hotels Estrel (Estrel Tower) an der Sonnenallee.

Noch wird gebaut. Durch die Dachschräge erinnert es an das markante Universitätshochhaus in Leipzig, das mittlerweile den Namen City-Hochhaus tragen muß. Der Estrelturm wird mit 176 Meter Höhe Berlins höchstes Hochhaus sein, einstweilen. Zum Vergleich: das Hotel Stadt Berlin am Alexanderplatz (Forum-Hotel, jetzt Park Inn by Radisson) kommt auf 125 Meter. Baulich reckt und streckt man sich hier ein bißchen, doch in den Himmel wächst, des Baugrundes halber, gar nichts.

Kürzlich lief ich auf dem Feld und sah fast nichts mehr. Nebel war aufgezogen, es wurde unheimlich. Das war kurz nach Sonnenuntergang. Mit einem Mal war es finster. Selbst auf der Start- und Landebahn verlor ich die Orientierung, tastete mich am Grasrand der Piste entlang. Kam ein Licht aus dem Nichts auf mich zu, schnellte ich zur Seite – ein Radfahrer. Er hätte mich nicht sehen können, ich bin kein Leuchthund. Endlich erreichte ich die Lichter der Kleingartenkolonie und verließ durch das Drehtor dieses ohnehin gespenstische Feld. Ich habe keine Ahnung, welche Geister dort kreisen, selbst an hellen Tagen im Sommer.

Berlin ist mir eine unerkennbare Größe geworden. Keine Ahnung, was hier los ist. Über Berlins häßlichsten Hochhausneubau, den sogenannten Amazon Tower an der Warschauer Brücke, 142 Meter über der Erde, schreibe ich später einmal. Da scheint alles kaputt gegangen zu sein, was ästhetisch im Menschen sich noch zu regen vermag. Insofern ein Baudenkmal ersten Ranges. Ich gerate in ein inneres Zittern, nähere ich mich dieser gepanzerten Baumasse bestürzender Einfallslosigkeit. Wenn wir so bauen, was treiben wir dann als nächstes?


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