Aussichten, gute Aussichten

Niemals ginge ich freiwillig zu einer Lesung. Ich komme eben von einer Lesung, und ich war dort deshalb, weil ich selber las (eine kleine Geschichte, traumgeboren, mir halbwegs verwandt). Die Überraschung ist komplett, fast skandalös: Es hat mir gefallen. Dabei verstehe ich nicht wirklich, warum Menschen zu Lesungen gehen. Meine Motive wären denkbar schwach. Zum Beispiel, um mir ein Bild zu machen von einem, der liest … Welches Bild und wozu? Vielleicht deshalb, weil hinter der Kunst ein Mensch steckt. Doch vielleicht steckt die Kunst hinter dem Menschen. Das ist nicht geklärt und wird sich vorerst nicht klären lassen. ‚Vielleicht‘ ist ein interessantes Wort, etymologisch. Es bedeutete einmal: viel leicht im Sinne von sehr leicht, ganz ohne Schwierigkeit, und bekam später die Bedeutung des Ungefähren, Unverläßlichen, des bloß Möglichen, des möglicherweise Möglichen, der Andeutung eines Möglichen, des Ja-nein oder Nein-ja. Es läßt sich offen, weiß noch nicht, will noch nicht, mag noch nicht, legt sich nicht fest. Exkurs Ende, vielleicht. Früher wollte ich die angebeteten ‚Stars‘ ‚live erleben‘ (die Anführungszeichen zum Schutz meiner Integrität – ich weiß, wie schlimm das klingt). Ich sah zu ihnen auf. Der Name Imre Kertész fiel heute. Ihn wollte ich sehen und hören. Galeerentagebuch. Doch er las aus Fiasko. Ich lernte Mircea Cartarescu so kennen (nicht ihn, sondern über ihn und seine Lesung seine Gedichte), empfand den alternden Uwe Timm als unpassend zu Heißer Sommer, Kerbels Flucht und Morenga. Ich dachte wohl, ich hätte das Recht auf einen coolen Revoluzzer. Nun war er nahezu zahm. Es war seine Currywurstzeit oder bereits die der Johannisnacht. Dichter live sind in aller Regel eine schlechte Inszenierung = Enttäuschung. Walser war ein wahnsinniger Zar vor zwanzig Jahren in Göttingen, als ich ihn das letzte Mal sah, beleidigte Diva, aufgeblasene Gerhart-Hauptmann-Type mit einem abstrusen Ego. Ebendort die entsetzliche Katzbuckelei um Günter Grass im Deutschen Theater, nur weil Steidl, Drucker und Verleger, nach Luchterhand die Blechtrommel nachschepperte und sich des Werks annahm. Grass selbst blieb entspannt, er genoß sich ja, ganz unironisch. Lange her. Ich gehe nicht freiwillig auf oder zu Lesungen, aber heute habe ich Texte anderer Autoren kennengelernt, die ich auf anderem Weg nicht kennenlernen kann (vorerst). Einer hat gelesen, der führt die Geschichten weit zurück und will wirklich wissen, woher wir kommen, er selbst kommt. Das hat mich sehr beeindruckt. Während er las, saß neben ihm sein junger Sohn. Ich dachte, daß ihm all dies geschrieben wird. Der Roman ist noch lange nicht fertig. Er ist bereits jetzt sehr gut. Ich freue mich sehr auf sein Erscheinen in ein bis vier Jahren. Eine sagte: Ich lasse mir gern vorlesen, warum nicht vom Autor, sofern er lesen kann?


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