Meine Aufmerksamkeitsstörung

Als Kind verlor ich mich in Tagträumereien. Das ging so weit, daß ich beim Essen vergaß, einen Löffel Suppe, den ich in der Hand hielt, zum Mund zu führen. Im Unterricht sah ich aus dem Fenster und verlor mich in der Bewegung der Blätter der Kastanie. Ich lebte in meiner Phantasie, einer schönen Nebenwelt, und zog in ihr weit hinaus. Bis man mich weckte. Meine Großmutter zischte: Iß, Holger, iß! Sie mochte es nicht, mich so fernab zu sehen. Sie war Bäuerin und damit harte Realistin. Die Mahlzeiten gehörten zur Arbeit, waren deren ernste Unterbrechung. Von Träumereien wird niemand satt. Im Unterricht sollte ich eine Frage beantworten, die ich gar nicht verstanden hatte. Ich mußte erst mit dem Aufruf meines Namens geweckt werden. Alle lachten. Ich mußte zugeben, nicht aufgepaßt zu haben. Zugleich interessierte und beschäftigte mich buchstäblich alles: die Fliege auf der Fensterbank, der offene Schnürsenkel meines Nachbarn, die Haarspange des Mädchens vor mir, das Getuschel ein paar Sitzplätze weiter, das selbstgemalte Bild an der Wand mit den Wolken, meine Indianerzeichnung aus der Pause, die noch nicht fertig war, der in der Schiebetür eingeklemmte blaue Anorak im Jackenschrank. Und Unzähliges mehr, ungefiltert und auf einmal. Ich litt unter einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADS), würden sie heute sagen und mich testen und behandeln und medikamentieren. Aber ich lernte auch so und lerne noch immer auf diese Weise: nämlich in alle Richtungen. Zudem war ich hyperaktiv, zappelte und rotierte und konnte nur schlecht stillsitzen. Noch heute sitze ich ungern in Philharmonien, Theatern, Hörsälen, Meetings oder Gottesdiensten. Ich will immer ganz schnell wieder raus. Zum Glück habe ich gelernt, mich zu beherrschen. Interessiert mich eine Angelegenheit sehr, kann ich sie verfolgen und mich in sie hineinbohren. Ansonsten langweile ich mich schnell. Ich muß intellektuell und emotional gefordert werden, sonst beginne ich zu gähnen. Ich bin ungern bei Leuten zuhaus, weil ich dann nicht hinaus kann, jedenfalls nicht ohne weiteres. Ich schreibe keinen Roman, weil mich das langweilt. Man hat mich nicht getestet, es wurde niemals irgend etwas diagnostiziert, ich wurde nicht medikamentiert und psychochemisch eingestellt. Meine Eigenschaften wurden akzeptiert und wenn nicht gemocht, so hingenommen. Niemals hätte meine Mutter geduldet, daß ein Arzt aus mir, und sei es für die Dauer von ein paar Schulstunden, jemanden macht, der ich nicht bin. Und ganz sicher nicht für die Schule, von der sie als Lehrerstochter ohnehin nicht viel hielt. Karriere und Aufstieg waren ihr nichts. Ihrem Schutz und ihrer Weisheit verdanke ich, daß ich gelassen wurde und werden durfte, der ich bin. An einem Aufmerksamkeitsdefizit leiden ganz andere, meine ich, nämlich diejenigen, die geradeaus starren und nur ein Objekt fixieren, einer Situation folgen, einem Laut Gehör schenken und nicht bemerken, was um sie herum sonst noch los ist. Nebenbei: Was an Schule so überaus wichtig sein soll, habe ich noch immer nicht begriffen. Da geht man erst hin, dann verläßt man wieder. Aber sag das mal den Strebern in dieser Republik der Ängstlichen. Die verkaufen die Seele und das Wesen ihres Kindes für ein paar gute Noten. Natürlich meinen sie es nur gut. Selbstverständlich wissen sie nicht, was sie tun. Sie vertrauen den Experten, denn die wissen stets, was sie tun, und sollten wissen, wem sie dienen. Das macht man heute so, alle tun es, es ist normal. Ritalin hilft sogar gegen Verbrechen, haben die Schweden ermittelt, denn Menschen mit ADHS (Leute wie ich) neigen dazu, Verbrecher zu werden. Sagt die Statistik. Pille schlucken, kein Verbrecher mehr. Die Geschäfte gehen gut, sie gehen immer besser. Schulerfolg und Verbrechensbekämpfung in einem. Ich höre den Klagegesang aus der Zukunft. Ich höre ihn bereits jetzt. Das ist mir möglich, da ich nicht unter dem sehr verbreiteten Aufmerksamkeitsdefizit leide. Und ich würde wieder zappeln und träumen, träumen und zappeln. Behandelt euch doch selbst, laßt die Kinder in Ruhe. Gott, wie deprimierend das ist. Am liebsten möchte ich diesen Eintrag auf der Stelle wieder löschen. Vor einigen Tagen notierte ich: Wann hat man eigentlich aufgehört, vom Menschen etwas zu verstehen?


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