Nachts kurz auf der Straße, über der ein großer, sehr naher Mond hängt. Nachher ist er rund und ganz. Zweiter Vollmond in diesem Monat, der blaue Mond. Er kommt selten. Ein betrügerischer Mond, sagen die einen, ein besonderer Mond, die anderen. Ist das Besondere gut oder schlecht? Fragen an die Sphinx. Es ist besonders, es zeichnet sich aus, die Deutung obliegt dem Deutenden.
Meine Lieblingsversion des Songs stammt von den Cowboy Junkies, eingespielt in The Trinity Session. Sie nennen ihn Song for Elvis – Blue Moon Revisited. Elvis‘ Interpretation lausche ich eben jetzt. Sie klingt nicht nach echter Verzweiflung, aber gut gespielter, mit Schmalzbeigabe. Billie Holiday macht Billie Holiday daraus, was sonst. Ich höre ein Augenzwinkern, sie hatte einen guten Tag. Frank Sinatra professionell, müde, nahezu gelangweilt. Whisky tötet Romantik. Ella Fitzgerald offenbar wirklich traurig, sie gelangt in die Tiefe, ihre Stimme enthält ein Schmirgelgeräusch, als koste der Song sie einiges. Mit Nat King Cole auf nächtliches Schlendern in blankgeputzten Schuhen über das Pflaster in die nächste Stätte leichten Kennenlernens. Dean Martin schmachtet und läßt sich sehr viel Zeit, schwankt, man fürchtet, er fällt vom Hocker, um sich totzulachen, wenn er endlich unten liegt. The Marcels spielen die albernste, lächerlichste Version. Eine Doo-Wop-Version für die flotten Sechziger, die sich abtrennten von Trauer, Schmerz und Tiefe. (Text und Musik stammen von Richard Rodgers und Lorenz Hart, 1933.)
„Blue Moon / You saw me standing alone / Without a dream in my heart / Without a love of my own / Blue Moon / You know just what I was there for / You heard me saying a prayer for / Someone I really could care for.“ Dann geschieht das Besondere, ereignet sich das Ereignis, erscheint die Einzige, der Einzige, wird das Warten belohnt. Muß es ja auch. Erfüllung setzt vorherige Leere voraus, einen Sog. Der Preis ist hoch, und er muß in voller Höhe entrichtet werden. Wüstenwanderung, Irrfahrten, Labyrinthe, Sinnestäuschungen, Verzweiflung, abgrundtiefe Trauer. Herz im Isolationstrakt, hallende Schritte durch die Nacht; der fette Mond, der noch weiter zunimmt, eine letzte kleine Tagesmahlzeit, eine letzte Drehung, bevor er seine volle Wirkung entfaltet. 11:38 Uhr.
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Lieber Holger
Schön von Dir zu lesen.
Bin auch gerade beim Ausmisten -besser im abnehmenden Mond-
Es ist komisch Dich übers lesen mehr kennenzulernen.
Liebe Grüße Ellen