Aus einer Vorzeit

Das Gipsschaf wiederentdeckt. Es stand am äußerst linken Rand meines vollgemüllten Schreibtischs ganz hinten und rührte sich nicht. Es tat nichts, als Staub aufzulegen, und das tat es gründlich, und nun ist es grauweiß. Diese Farbmischung ähnelt der Wolle eines echten Schafs. Die Flusen selbst haben etwas sehr schön Wolliges. Gleich werde ich sie wegpusten, doch einen Augenblick möchte ich noch bei seinem Anblick verweilen. Dieses Schaf symbolisiert für mich die Geduld in dem sehr besonderen Sinn von Duldsamkeit. Ich denke sofort an die Schafe unter dem Baum am Fluß, als die Sonne hoch stand und sie dort dichtgedrängt Schatten suchten. Ein Bild des Friedens. Daß das den Wolf anlockt, leuchtet ein. Der Wolf steht für die Ruhelosigkeit des Jägers. Der Jäger ist derjenige, der sein Leben bewahrt, indem er anderes Leben tötet. Eine Herde ist diejenige Gruppe von Tieren, die sich Pflanzenleben einverleibt, um zu leben. Alles frißt. Einverleibung ist die Überlebenstechnik der Tiere und des Menschen. Wertschöpfung durch Wertvernichtung ist Verwandlung. Das Stoffliche durchläuft die Bahnen des Stofflichen. Tierliebe ist gut, Pflanzenliebe ebenfalls, Menschenliebe auch. Doch können wir uns nicht unberührt lassen, wir stürben sonst. Das grauweiße Schaf schaut mich an, durchaus nicht vorwurfsvoll, eher herausfordernd. Sein Maul steht offen zum Blöken. Ich weiß, wer es modelliert hat. Es geschah in einer Arbeitspause. Da lag ein kleiner Haufen Gips, ein Rest, den wir nicht für die Stuckarbeiten benötigten. Er formte im Handumdrehen ein Schaf daraus, gab es mir und sagte: Hier, ist für dich, muß noch trocknen. Dieser Text ist für Gérard.


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