Medizin

Steigt eine Frau ein und bettelt um etwas Kleingeld. Ich sehe, wie es um sie steht. Der Blick ist ein Flehen: Erbarme sich einer. Sie spricht ein gebrochenes Deutsch, erzählt ihre Geschichte, kurz, knapp und wahr: „Ich lebe auf der Straße und bin abhängig … selbst schuld … vielleicht kann jemand helfen.“ Es ist bereits spät, die Heimfahrer sind müde und die Hinfahrer freuen sich auf einen heiteren Abend. Sie braucht ihre Medizin. Die bekommt sie für Geld. Sie läuft durch den Gang, keiner der Fahrgäste sieht sie an. In diese Augen darf man nicht sehen, ohne zu geben. Ich gebe ihr einen Apfel. Ich weiß, daß sie Geld braucht, dringend. Zum Glück fällt mir dieser Apfel in meiner Tasche ein. Ein Apfel wird ihr nicht schaden, doch sie braucht ihre Medizin. Sie bedankt sich, lächelt, geht zur Tür und steigt aus. Diese Wahrheit geht von Waggon zu Waggon.


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