Auf dem unteren Boulevard, um eine Hose, Schuhe und Hemden zu kaufen. Boulevard ist etwas hochgestochen – die Karl-Marx-Straße ist eine Einkaufsstraße, von der man nicht weiß, ob sie ökonomisch und ästhetisch gerade auf- oder absteigt. Feinkostgeschäft neben Dönerstand, Pfandleiher neben Hostel. H&M und C&A. Resterampe, Knüllerkiste. Alles muß raus, denn noch ist es drin. Zugreifen, zahlen, nach Hause tragen. Umtausch ausgeschlossen, dies ist ein preisreduziertes Sonderangebot. Ich mache mich darüber nicht lustig, kaufe selbst zuweilen auf diese etwas schäbige Weise. Gut fühlt es nicht an. Ein Gefühl, als sündige man. Einst werde ich meine Einkäufe in Ruhe überdenken. Hätte ich etwas mehr Geld. Da kommt mir das Gespräch über den Lottogewinn in den Sinn. Mit wem sprach ich doch darüber? Wir dachten nach, ob man sich eine solch plötzliche Gewinnausschüttung wünschen sollte und kamen zu dem Schluß, daß davon abzuraten ist. Ich wüßte nicht, wie ich dann noch in meine Welt und Wirklichkeit passe. Das Lebensgefühl wäre beeinträchtigt, ich sähe anders aus meinem Kopf heraus. Mit den Millionen könnte man allerdings auch Gutes tun, zum Beispiel ein vernünftiges Künstlerstipendium auf die Beine stellen oder eine Obdachlosenunterkunft einrichten, in der sie nicht kujoniert werden. Aber allein der Umstand, daß man sich um seine Gelder fortan kümmern muß, damit sie nicht verdampfen oder versickern, wird einen in Atem halten. Mit Freiheit hat das vermutlich wenig zu tun, eher mit neuem, ungewohntem Zwang. Angeblich bekommt man von den Lottogesellschaften einen Gewinnberater zugeteilt, der im Schnellverfahren erklärt, worauf zu achten ist: Nur dem engsten Familienkreis beichten, daß man gewonnen hat; das gewohnte Leben weiterführen; umsichtig planen und mit Bedacht handeln. Die Anlageberater abzuwimmeln ist für den Anfang Aufgabe genug. Sodann würde ich mir einen schönen Sommeranzug kaufen, mit Weste und anständigen Schuhen. Die Schuhe, die ich heute gekauft habe, sind hoffentlich ein bißchen anständig. Bald hängt an jedem Produkt ein Siegel. Die Siegel sammelt man und bekommt Gütepunkte zugeschrieben. Die werden in einem Bonusheft eingetragen, das man immer bei sich führt, falls man eines Tages plötzlich stirbt.
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