Jedesmal dieses Gefühl, als lasse ich jemanden oder etwas im Stich. Es stellt sich augenblicklich oder später ein. So ergeht es mir mit nahezu jedem Beitrag, den ich in dieses Tag-und-Nacht-Café hänge. Am schlimmsten ist es, wenn ich keine Distanz aufzubauen vermag, wenn mir die Sätze oder das, was sie sagen sollten, vor dem Gesicht herumschwirren wie Insekten oder Wäschestücke, die der Wind bewegt. Ich möchte nach ihnen schlagen oder sie von der Leine reißen. Sie sind mir unfaßbar peinlich. Ich lasse sie hängen oder schwirren, weil ich weiß, daß ich nicht in der Lage bin, sie zu beurteilen. Ich hänge sie hier aus oder lasse sie schwirren, da ich sie sonst erschlagen oder herunterreißen und verbrennen würde. Keiner dieser Texte wäre je geschrieben worden ohne dieses Café, diesen Ausstellungsraum ohne Grund und Boden, ohne vernünftige Topographie. Meinem Café fehlt alles, was ein gutes Café auszeichnet. Es ist virtuell, das bedeutet: nur der Möglichkeit nach vorhanden; nicht beobachtbar, aber erschließbar. Ein virtueller Raum kann nicht wirklich betreten werden, man stößt sich nicht den Kopf an einem niedrigen Balken und stolpert über keine Schwelle. Alles ist und bleibt abstrakt, und in diese Kälte von Nichtexistenz hinein spritzen wir unser Herzblut und hoffen, die Sterilität zu besiegen. Echte Bücher sind besser. Die nehmen Kaffeeflecken an und reagieren auf Sonnenstrahlen und den Geruch des Kellers. Man kann die Ecken der Seiten einknicken oder das ganze Buch verbrennen, damit es warm wird. Hier dagegen bloße Zeichenfolge, immaterielle Geisterei. Zukunft tut gar nichts, hat sie noch nie getan, weicht lediglich aus und zurück.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.