Kriminalistik und Psychopathologie in Serie

Weiter in der Serie Hannibal, die mir Fragen aufwirft, in ganzen Packen vor die Füße knallt. Die geballte Intelligenz kreist dort um Phänomene des Absonderlichen, erkennt und benennt sie. Das ist medial präsentierte angewandte Wissenschaft, ein Mix aus Aufklärung und Sonderbegabtenesoterik. Ich sehe mir das Folge für Folge an und empfinde dabei – was? Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich wirklich fasziniert bin. Ich schaue im bereitgestellten Wissen nach, was ‚faszinierend‘ seiner Etymologie nach bedeutet. (Es bedeutet ‚anziehend‘, ‚begeisternd‘, ‚verzaubernd‘, auch ‚verhext‘.)  Demnach bin ich nicht fasziniert, sondern lediglich interessiert. Mich interessiert, wie sich der menschliche Verstand an jenem abarbeitet, was einmal Das Andere der Vernunft genannt wurde. Die Psychopathologie ist eine der Paradedisziplinen der Aufklärung, der Kriminalistik darin verschwistert. Frische Theorien des Verbrechens und der Perversion seitdem in Folge. Doch der Verstand wird nicht mit allem fertig und drängt zurück ins jeweils schützende Gefühl. Daß ein Hochsensitiver sich im Auftrag der Ermittlungsbehörden an die Orte des Tatgeschehens begibt und erspürt, was geschehen ist, erscheint mir naheliegend. Insbesondere dann, wenn herkömmliche Verfahren nicht ausreichen. Die Visionen dieses ungewöhnlichen Ermittlers sind retrospektiv. Gleichsam so, als sei die Information noch im Raum. Nicht nur faktisch (Spurensicherung), sondern schattenbildlich. Ein anderes Sehen, das vom Ausgang des Geschehens zurück an seinen Anfang gehen kann, die Bildfolge wendet und einen Tathergang als Abfolge von Szenen produziert. Spekulativ, tastend, Irrtum eingeschlossen. Warum nicht? Ein guter, ein ausgezeichneter, ein umstrittener Profiler, da er offenkundig ‚besessen‘ ist, selbst ein Fall für Behandlung und Heilung im Sinne von Richtigstellung. Daß ein Ort ’spricht‘, denke ich auch. Solches zu hören bedarf es gewisser Ohren. Andere sind hörend taub. Ich verstehe, welches Problem angesprochen und entfaltet werden soll. Daher folge ich der Serie, die uns zeigen möchte, daß menschliches Empfinden, Denken und Handeln ein Faszinosum ist, das entschlüsselt zu werden verdient, auch wenn uns die Ergebnisse nicht gefallen.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Kriminalistik und Psychopathologie in Serie

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert