Sie waren da. Sie waren zu bemerken. Der Abend ist gelaufen. Die Nacht läuft aus. Der Morgen beginnt. Er gehört zu Sonntag. Der gehört zu September. September ist die Neun im Jahr, dieser Sonntag die Dreizehn im Monat, das Jahr zählt 2015, verwunderlich ist nichts. Ich wurde freundlich begrüßt, ich wurde freundlich verabschiedet. Dazwischen liegen die Stunden. Stunden zählen schwerer als Minuten. Wäre ich irre, setzte ich den Blödsinn solcher Sätze fort. Mein Name ist nicht Nijinsky, obwohl mir die drei Punkte nebeneinander gefallen. Вацлав Фомич Нижинский ist sein eigentlicher Name, russischer Tänzer polnischer Abstammung, 1889-1950, eine Legende. Wer verdankte wem was: Igor Strawinsky dem Choreographen Vaslav Nijinsky oder der dem Komponisten von Le Sacre du Printemps, ihrer beider Versuchsstück. Die Aufführung wurde ein Skandal, Strawinsky gab Nijinsky die Schuld, doch bald darauf wurde es gut. Nijinsky trat 1910 in die Umnachtung seines eigenen Sinns und wurde erst 1945 durch das Auftauchen russischer Soldaten im Haus seiner Frau in Ungarn daraus befreit. Er konnte erstmals wieder zwanglos sprechen, heißt es. Ich kenne seine Aufzeichnungen und verstehe sie Wort für Wort. Sie erscheinen mir, als füge jemand Fliese für Fliese aneinander, klebe sie fest und vergewissere sich, daß sie wirklich dort hängt, wohin sie gehört. Jemand, dem nichts mehr in der Ordnung ist, gleicht derart sich aus. Mein Abend war schön. Ich liebe diesen Abend. Jetzt ist nicht mehr Abend. Jetzt ist Morgen. Ich mag den Morgen. Ich mag den Morgen nicht, wenn er direkt auf den Abend folgt. Zwischen beiden liegt der Schlaf. Habe ich keinen Schlaf, mag ich den Morgen nicht. Diesen Text habe ich eben geschrieben. Eben war er noch gut. Ob ich ihn jetzt noch gut finde, weiß ich nicht. Ich werde ihn morgen lesen. Wenn ich ihn morgen nicht mag, werde ich ihn löschen. Eben ist keine Tageszeit. Eben ist keine Nachtzeit. Eben gleitet durch die Zeit wie ein Ballon mit Luft darunter. Sie waren zu bemerken. All die anderen. Über sie spreche ich ein anderes Mal. Es gibt viel zu erzählen. Ich bin Nijinsky, ich kenne Gott. Aber Gott schaut weg. Vielleicht schaut er nächstens doch. Ich bin nicht ungeduldig. Aber ich kann schlafen.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.