Henry Miller I

Henry Miller beschreiben – unmöglich. Ein Clown, ein Gaukler. Prophet eines richtigen Lebens im falschen. Die Entdeckung, daß die Schöpfung auch aus Scheiße, Eiter und Spucke gemacht ist; daß das Leben in der Gosse oder dicht am Abgrund interessanter und lebensvoller ist als in den Wohlstands- und Schutzzonen der besseren Kreise; daß das Vulgäre ebenso anbetungswürdig ist wie das Erhabene. Keine halben Sachen. Entweder ist das Leben heilig oder nicht. Wenn es das ist, dann in all seinen Erscheinungsformen und nicht nur jenen, die dem erlesenen Geschmack einer Klasse oder Schicht entsprechen, die sich das Unangenehme vom Halse hält. Aufgewachsen in Brooklyn als Sohn eines Schneiders und einer hartherzigen Mutter und Hausfrau. Begeisterter Radfahrer und Tischtennisspieler. Mit dreißig oder vierzig nach bürgerlichen Wertvorstellungen ein Totalversager ohne die geringste Aussicht auf eine Verbesserung seiner Lebensumstände.  Frankreich und vor allem Paris heilen ihn, bieten jenen Resonanzraum, den ein Künstler so dringend nötig hat, um frei zu werden und jenes zu entwickeln, wofür er anwesend ist. Seine literarischen Vorbilder sind Dostojewski und Hamsun, doch er ist noch verrückter als diese beiden Verrückten. Er erstickt zwei Jahrzehnte lang an seinen entsetzlichen Ambitionen, bis er eines Tages feststellt, daß Kunst nichts mit Künstlichkeit gemein hat, sondern etwas so Natürliches ist wie das Atmen oder das Wasserlassen in einem Pissoir. Raus damit. Von da an geht es bergauf. Nicht ökonomisch, aber künstlerisch. Wendekreis des Krebses markiert den Durchbruch. Die ersten Sätze lauten: „Ich wohne in der Villa Borghese. Hier ist nirgendwo eine Spur von Schmutz; kein Stuhl, der nicht an seinem Platz steht. Wir sind hier ganz allein und wie Tote.“


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