Henry Miller wäre keine Zeile, die ich schreibe, wert, wenn ich nicht wüßte, daß von ihm Wichtigstes zu lernen ist. Ich werde es nicht aufzählen oder herbeten, denn jeder liest für sich allein und findet einen Zugang oder nicht. Da Miller so sehr bemüht war, anfangs, abstoßend zu wirken, stößt er mich nicht ab und stieß mich nicht ab. Stachel wehren die Frucht. Schlimmer sind die Autoren des unaufhörlichen Werbens und der Gesten des Einladens. Sie dienen sich ihrem Publikum an und spekulieren auf Zulauf und Masse. Wer bei seinen Lesern keine Intelligenz vermutet, wird sich selbst unterfordern. Wer dauernd auf common sense angewiesen zu sein scheint, macht mich nicht neugierig. Derzeit gibt es einige Trends, die sich an diesen Gemeinsinn heranmachen und ihn für sich zu kapern versuchen:
Heute sprachen wir über „heteronormativ“, über Normen und das, was mit „normal“ gemeint zu sein scheint. Die westliche Hemisphäre eifert dem Geschlechtlichen hinterher und erhofft in ihm letzte Aufschlüsse über den Gewaltcharakter der Herrschaft. Das ist putzig, denn nie wurde je behauptet, es verhalte sich mit der Macht anders, als daß sie definiere, also ein- und ausgrenze. Eben darin besteht ihre Macht und ihr Anspruch. Wer diesen Anspruch bestreiten möchte, muß sich wappnen mit mehr als eingeforderter Toleranz. Denn Toleranz bedeutet Duldung. Duldung kann jederzeit zurückgenommen werden. Sie ändert nichts am Herrschaftsverhältnis. Heteronormativ ist die Biologie mitsamt der Fortpflanzungsprozedur. Eine Setzung des Schicksals, der Schöpfung, der Evolution oder wie das heißt, dem wir nachlaufen, um uns zu beschweren.
Ich halte es für einen Fehler, den Gemeinsinn unaufhörlich sensibilisieren zu wollen. Denn die Logik solchen Bemühens unterstellt, daß eine Frage dann als positiv beantwortet gelten kann, wenn die Allgemeinheit im Sinne des eigenen Anliegens stimmt. Demnach eine Aufgabe von Penetration, Suggestion und Manipulation einer angenommenen Menge mittels der verfügbaren Kanäle. Arbeiten wie die Profis. Meinungsänderung erreicht. Kampagnendemokratie. Plakate gegen Vorurteile, als plakatiere man die eben mal weg.
Zurück zu Henry Miller und dem Anstößigen. Er sang das Loblied der Möse, in trunkenem Zustand. Er wollte ein Buch schreiben, das alle Bücher enthält und weitere Bücher für eine Generation überflüssig macht. Das nenne ich ein Vorhaben, ebenso albern wie entzückend. Das Geschlechtliche kommt bei ihm nicht gut weg, und warum sollte es auch? Die Menschen treiben es auch ohne Anfeuerung und Liederkranz. Es pulst und pocht, allerorten. Heteronormativ oder nicht, doch in jedem Fall weiß sich das Leben unserer gut zu bedienen. Wir dienen alle. Wir dienen gut.
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