Die Neuigkeit

Wie Menschen sich unterhalten. Woher kommt der Stoff, wer bestimmt ihn? Wie beginnt ein Gespräch? Sagt einer etwas, zum Beispiel: Na, alles klar? Sagt der andere: Und selbst? Nickt der erste. Der zweite lächelt, sagt nun: Maja hat mich verlassen. Das ist die Neuigkeit, die einschlägt wie eine Bombe und nun besprochen werden wird, damit die zerfetzten Teile von den noch intakten unterschieden werden können. Zunächst eine Rekonstruktion des Tathergangs. Der erste sagt, er habe stets gedacht (angenommen), sie seien ein gutes Paar gewesen. Der zweite nickt und erklärt. Es folgt seine Geschichtsschreibung des tödlichen Unfalls oder Anschlags: Inhalt und Interpretation. Der erste stellt die wichtigen Zwischenfragen und steuert ein wenig den Strom. Er läßt sich durch nichts ablenken, denn die Sache ist ernst. Der zweite genießt die ungeteilte Zuwendung, muß jedoch viele Male schlucken. Die Zurechtlegungen funktionieren nicht, alles ist wund. Doch er ist tapfer und stolpert und stottert sich durch den Text seiner Erschütterung. Der Abend geht gut aus. Der Verlassene kann sich jederzeit melden, wenn er nicht nur ein Ohr braucht, sondern ein mitfühlendes Herz und wachen Verstand. Jemanden, der ihm nahesteht und zu helfen vermag. Besser, als ganz allein mit der Gewalt dieses Einschneidenden und Abtrennenden fertigwerden zu wollen. Er ist ein Amputierter, er tropft. Die Bilder jagen durch sein Hirn und legen sich zu keiner Ordnung. Diese Szene, jenes Wort. Wie alles anfing, wann es seltsam wurde und wodurch. Schuldfragen, Bedeutung und Sinn. Der ist vorerst weit entfernt wie der Mond. Doch immerhin sichtbar. Der erste ist ebenfalls beunruhigt. Er mag seinen Freund nicht leiden sehen und möchte deshalb Partei ergreifen. Idiotische Maja, denkt er vielleicht. Andererseits ist er alt genug, um zu wissen, wie es läuft. Sich begegnen, sich begleiten, sich verlassen. Ablauf eines völlig normalen Dramas zweier Liebender, individuell bestätigt. Tröstend ist das nicht. Er möchte seinen Freund trösten, doch die Sätze, die ihm im Gespräch einfielen, paßten nicht. Vielleicht gut so? Dazu ist es zu früh. ‚Vielleicht gut so‘ kommt viel später. Es muß ja gut werden, sonst ergäben die Geschichten ja gar keinen Sinn mehr. Alle suchen in der Liebe ihr Glück, denkt er noch, bevor er einschläft. Täte sie nicht weh, wäre es keine Liebe. Schlimme Sache.


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