Nach ihrer Art

Die Krähe schreit etwas Unverständliches in den blauweißen Himmel. Irgendeine wichtige Nachricht wird es sein, denn sie wiederholt sie nun schon zum drittenmal. Und gleich noch einmal. Sie hat von dort oben einen guten Blick. Vielleicht sitzt sie auf einer Fernsehantenne oder einer Schornsteinabdeckung, vielleicht schreit sie im Flug. Ich kann sie nur hören, nicht sehen. Ob ich Krähe sein möchte in einem anderen Leben, frage ich mich. Dann schlüge ich mich nicht mit Buchstaben und Sinnfragen herum, sondern stritte mit meinen Artgenossen um einen Schlafplatz oder ein Stück Aas. Ich liefe mit wippenden Schritten und hoch erhobenem Kopf über die Gehwegplatten, trüge eine Walnuß im Schnabel und dächte darüber nach, ob ich sie vom Straßenbaum auf den Asphalt fallen lasse oder so plaziere, daß ein Auto sie überfährt. Krähen können Mülltonnendeckel öffnen und trauen sich zu zweit oder dritt in einen Luftkampf mit einem Bussard. Ich wäre demnach klug und kriegerisch und säße im Winter am liebsten auf den warmen Dächern der Häuser. Das Volk der Krähen ist aufmerksam und mächtig. Einmal mußte ich eine Krähe, die mit zerfetztem Flügel im Hof lag und sich im Todeskampf immer um die eigene Achse drehte, mit einer Schaufel erschlagen. Ich hätte sie beerdigen können. Stattdessen warf ich sie in die Mülltonne. Wir kannten uns nicht. Ich komme vom Land, da verniedlicht man die Tiere nicht. Nur Kühe und Pferde bekommen Namen. Ein Huhn heißt dort Huhn, der Hahn Hahn. Die Krähen klauen die Saat, deshalb sind sie nicht sonderlich beliebt. Die hier heimische Nebelkrähe verbreitet sich bis zur Elbe, ab dort regiert die schwarze Rabenkrähe, gemeinsam bilden sie die Spezies Aaskrähe. In Europa leben Schätzungen zufolge zwischen 21 und 51 Millionen Aaskrähen. Sie bilden Schwärme, in denen jeder jeden kennt. Fehlt einer, werden sie unruhig. Die Schreie sind längst nicht mehr zu hören. Sie ist sicher zu ihrem Schlafbaum geflogen.


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