Was mir jetzt noch fehlt, ist ein gepflegter Gesangsabend mit Klavierbegleitung vor zahlendem und klatschendem Publikum, das sich einen Kulturabend gönnt. Bühne mit Blumen geschmückt und ausgeleuchtet, jemand spricht freundliche und artige Worte zur Begrüßung und so weiter. Sängerin mit Gesangsausbildung, die entsprechenden Adressen, Klavierbegleiter von der Musikhochschule, die entsprechenden Adressen, beide haben sich schick gemacht. Ihr Kleid an manchen Stellen andeutungsweise durchsichtig. Ihr Gesang konventionell professionell, andeutungsweise authentisch. Es folgen Lieder von Herz und Liebe und … der Verführung.
Im Kopf dreht sich das Video dazu wie von selbst: Frau durchstreift in gepunktetem Kleid hochhackig mediterrane Stadt, Typ Julia Roberts (protestantisch) oder Monica Belucci (katholisch), zieht die Blicke der virilen Männerschaft auf sich, sieht sich um, lächelt, schüttelt die Mähne und strebt weiter – in die Arme eines schönen und wichtigen Anzugmannes, des Glücklichen und Beneideten, Typ George Clooney, der sie im Straßencafé an der Ecke erwartet, aufsteht und für die bühnenreife Begrüßung eigens die Zeitung (internationale Presse) aus der Hand und auf den Tisch gelegt hat. Dort, wo sie gleich sitzen soll, um ihn zu schmücken und von ihm geschmückt zu werden, steht in einer zierlichen Vase eine rote Rose, als Zeichen seiner Liebe und Verehrung.
Himmlisch! Die von der Büroarbeit und den elenden Geschäften Erschöpften im Publikum rasen. Die Sängerin hat sie voll im Griff. Nun flirtet sie auch noch mit ihrem Begleiter am Flügel, der sichtbar errötet, weil er sich für ihre Entgleisung schämt. Doch sie fühlt sich heute abend so frei und so sexy. All der Applaus für diesen Edelschund aus den Federn abgehalfterter Romantiker, für falsche Gefühle und demonstrierte Leidenschaft. Das ist ihr einen Sprung zur Seite wert. Sie ist nun einmal eine Showtante, sie kann das: authentisch lügen. Dafür wurde sie ausgebildet: anderen einen schönen Abend zu bereiten mit leichter Kost nach bewährter Rezeptur. Etwas Herzschmerz, etwas Frivolität, etwas Tragik, etwas Komik, etwas Besinnliches auch, etwas zum Träumen, etwas zum Tanzen und Schweben. Etwas, um vergessen zu können.
Nach dem Konzert sagt sie: Die Leute haben schwere Ärsche. Das ist es.
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