Weiter unten in Verbündete suchen habe ich geschrieben: „Nur ein unerschrockener Beobachter findet aus dem Kopierwerk heraus.“ Wie aber wird man einer? Ich befürchte, wir haben keine Wahl. Wer nicht dazu neigt, wird keiner werden wollen, wer bereits einer ist, muß an seiner Unerschrockenheit arbeiten. Denn der erste Impuls eines feinfühligen Beobachters wird die Abwehr dessen sein, was niemand sonst zu bemerken scheint, nämlich die kaum versteckte Grausamkeit der Menschen. Sie fallen ja insgeheim dauernd übereinander her, und nur die Angst vor Bestrafung oder das Wissen, „daß man das nicht tut“, hält sie zurück. Sie reißen sich am Riemen, sie halten sich im Zaum. Andere Passanten stehen im Weg – man möchte sie schubsen, treten, zerfetzen. In der Schlange an der Kasse vor einem der Todfeind mit seinem dreckigen Katzenfutter, eingeschweißt in goldfarbene Metallfolien und mit einem Bild versehen, auf dem ein niedliches Kätzchen rührend unschuldig in die Kamera schaut. Auch Katzen sind Mörder. Der Nachbar rumort zur falschen Zeit am falschen Ort, schon erwacht der Wunsch, eine Strafexpedition anzutreten. Wir sind umgeben von Rasenden, die im Schrittempo lächelnd an uns vorüberlaufen oder grimmig in sich hineinlauschen, ob es endlich soweit ist. Oder die Mutter, die ihren Jungen nach vorn zerrt und ihm dabei fast den Arm ausreißt und auf ihn einredet im Tonfall einer Nervensäge. Ich denke an die Seele dieses Kindes und wie sie vernarben wird. Ich spüre jeden Wunsch, der an mich herangetragen wird, und lerne selbst, grausam zu sein, da ich ihm nicht entsprechen kann. Ich kenne meine Abgründe und habe sie gründlich studiert. Ich möchte nicht töten, aber ich kenne den Wunsch. Doch dann stelle ich mir taghell vor, was daraufhin geschieht. Ich sehe auch, wie tot der Tote ist und wie der erkaltende Leib dort liegt, wo es ihn hingestreckt hat und weiß sehr genau, daß ich in Panik gerate wie jene Idioten im Film, die vor der Leiche stehen, völlig überrascht, und nicht wissen, wohin mit dem – Ding. Ich träume nicht von Rache, denn diejenigen, die mir schaden, sind auch so schon übel dran.
Aber das Schöne. Auch das Ergreifende in hoher Dosierung. Entzückende Momente inniger Einvernehmlichkeit. Die Mutter mit ihren beiden klugen Kindern mir gegenüber in der Bahn. Sie besprechen ganz ruhig, wie es im Zoo war und warum es falsch ist, die Tiere so zu halten, „nur damit wir sie sehen können“. Die Bitte um Entschuldigung, als ich gestern aus dem Kaufhaus gehen und die gläserne Schwingtür nach außen öffnen wollte, genau vor mir aber jener Mann stand, der sie nach innen drückte. Ich trat einen Schritt zurück und erkannte, daß der Mann ein sehr großer und behinderter Junge war. Er hinkte und verzog den Mund, seine Begleiterin führte ihn am Arm. Sie entschuldigte sich, dabei war es gar nicht mehr nötig. So lächelten wir einfach. Oder der Verkäufer im Geschäft für Elektrozubehör, der sich freute, daß ich mich so sehr freute, dort ein bestimmtes Kabel zu erhalten, das es woanders nicht mehr gibt. Die Frau, die vor dem zerzausten Streuner, der wie bewußtlos am Fahrstuhlschacht der U-Bahnstation lag, genau dort, wo nachts die letzten Feiergäste auf ihrem Heimweg hinpissen, wenn sie es nicht mehr halten können, und auf ihn einsprach und forschte, ob er lebt und ob er Hilfe benötige. Es war hellichter Tag und wir anderen liefen an ihm vorbei und dachten nichts anderes als: schläft seinen Rausch aus. Diese Frau aber reagierte anders.
Täglich so vieles zu sehen und zu bestaunen. Als Menschenkopie wird einem das wenig sagen. Der Verkehr fließt, die Geschäfte laufen, morgens raus, abends heim, was soll das Besondere sein. Ja, ein Verkehrsunfall, das wäre schon was. Oder eine Gasexplosion mit vielen Toten und einem Großeinsatz von Feuerwehr und Polizei. Dann merkt selbst eine Kopie auf und gerät in eine gewisse Erregung. – Doch möchte ich von solchen Menschen nicht beschäftigt sein. Wir sehen viel zu viel nach jenen, die nicht interessant sind. Sie geben nichts, sie nehmen einem. Sie sind nicht deshalb uninteressant, weil sie von Natur aus so sind oder sein müssen, sondern weil sie als Kopien herumzulaufen und nichts Eigenes zustande zu bringen scheinen. Ich hoffe, daß es nur so wirkt und sich tatsächlich anders verhält. Doch habe ich etliche Male in meinem Leben selbst schon ausgesehen wie eine Kopie und gehandelt, als könne ich nur denken, sagen und tun, was allgemein anerkannt und erwartet wird. Insofern weiß ich, was eine Kopie ist, nämlich Abklatsch. Aus dem Kopierwerk tritt heraus, wer sich nicht davor fürchtet, allein zu stehen: mit einer Handlung, einem Geschmack, einer Idee.
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