Alexander Kluges Gespräche mit Heiner Müller. Der intelligente Streber befragt den sanften Zyniker. Beide stöbern sie in den Archiven, um aus fernen und weniger fernen Vergangenheiten Material zu bergen. Einstiege in die Stollen des Verstehens, ein Freigraben historischer Substanz, um prüfen zu können, ob die Fundstücke etwas taugen. Als untauglich erweist sich jener Stoff, der keinerlei Beziehung zur Gegenwart aufweist. Der Beweis, den sie gemeinsam antreten, ist der, daß der Berg, in den sie dringen, kein Müllberg ist, sondern aufgeschichtete Erfahrung, aus dem als wichtigster Rohstoff Wissen gewonnen werden kann. Der Berg birgt unerhörte Schätze, doch die beiden Bergleute bleiben nüchtern. Als gelehrter Autodidakt und kritischer Poet bevorzugt Müller das Konkrete. Sein Vorrat an historischen Anekdoten (Lehrgeschichten) scheint unerschöpflich. Kluge, stets auf der Suche nach dem zu Lernenden, also Verallgemeinerungen, assistiert mit Deutungen und ähnelt einem Lehrer, der seiner Schulklasse einen Schriftsteller vorführt, den etwas ganz anderes interessiert als das Gutsein. „Auffällig: seine Liebe für kurze, lakonische Geschichten, an denen die Kritik meist die Grausamkeit hervorhebt. Er selbst findet seine Geschichten komisch“, heißt es im filmischen Geburtstagsportrait vom 9. Januar 1989.
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